... aber versuchen will ich ihn

In diesen Kurzgeschichten sind wir nicht die ├╝blichen Verlierer, die zahnlosen Alten, die Erotik nur noch aus der Erinnerung kennen und lediglich f├╝r die liebevoll-tatterige Betreuung der Enkel taugen. Wir wissen, wie ein Handy zu bedienen ist, denn unsere Generation hat das Internet und den PC zu dem gemacht, was sie heute sind. Die Protagonisten der Geschichten sind die Alten, die bei Woodstock jung waren, die 68 auf die Stra├če gingen und die von den Stones, den Beatles oder Jazz begeistert waren. Es sind die Menschen, die unsere Gesellschaft zu dem gemacht haben, was sie heute ist. F├╝r uns alle habe ich diese Geschichten geschrieben, aber auch f├╝r jene, die ihre hin und wieder durchgeknallten Eltern verstehen wollen, deren Augen zu gl├Ąnzen beginnen, wenn sie von den ersten Open Air Festivals und ihren Partys, die damals noch Feten hie├čen, schw├Ąrmen. Denjenigen, die vor dem ├älterwerden Angst haben, k├Ânnen die Geschichten helfen, ihre Zukunft, die im Alter liegt, zu akzeptieren. Denn von uns Alten m├Âchte kaum einer wieder jung sein. Unser Motto ist: Alt sein ist wie jung sein ÔÇô nur besser.

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 172 | Genre Drama | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 40+ | Website zum Buch Link

Taschenbuch

( 978-1523713110 )

MANCHE DINGE GESCHEHEN EINFACH


Ich wollte das nicht, aber es ist passiert. Es war nicht einmal Vollmond. Der Vollmond erkl├Ąrt vieles. Bei Vollmond sind wir nicht wir selbst. In seinem blassen Licht herrschen ├╝ber uns M├Ąchte der Vergangenheit oder der Zukunft. Doch dazu fehlten zwei N├Ąchte. Am PC geht alles zu schnell. Geplant hatte ich nichts. Ein Mausklick ÔÇô und der Flug nach Mexiko-Stadt, drei Tage sp├Ąter, war gebucht. Mit einer E-Mail informierte ich meinen Sohn ├╝ber seine heilige Pflicht, sich um meine Topfpflanzen zu k├╝mmern: Die Mail ersparte mir l├Ąstige Diskussionen.

An jenem Morgen packte ich den Rucksack; in der Nacht hatte ich unruhig geschlafen. Dann stieg ich in den Zug und stehe ├╝berm├╝det und wie bet├Ąubt am Z├│calo, dem gr├Â├čten Platz in Mexiko-Stadt. Da war ich vor vierzig Jahren schon einmal. Als ich vor der gigantischen gotischen Kathedrale stand, neben deren Eingang noch immer die auf Kunden wartenden Handwerker hockten, hatte ich das Gef├╝hl, nie weg gewesen zu sein. Hier hatte alles begonnen. Vor uns h├╝pften ein paar Mexikaner herum, die versuchten wie die Azteken zu tanzen. Wir, die bleichen Touristen, standen uns die Beine in den Bauch und grinsten hilflos. Es war kein guter Beginn. Vielleicht hat es deshalb, vierzig Jahre sp├Ąter, so enden m├╝ssen. Eine alte Frau schubste dich an, und du fielst auf mich. Die Alte entschuldigte sich auf Spanisch und verschwand in der Masse. Als du ihr zunicktest, da wusstest du noch nicht, dass sie sich gerade f├╝r deinen Geldbeutel mit den Kreditkarten bedankt hatte. Ich hatte nicht viel Geld, aber f├╝r die Absteigen, bei denen man zur Sicherheit den Koffer nachts vor die T├╝r schiebt, reichte es uns.

Vor einem Monat hatte ich mein Studium beendet und mich verdammt alleine gef├╝hlt. Der Studentenflug nach Mexiko war zu der Jahreszeit g├╝nstig und Rucksackreisen im Trend. Da stand ich nun neben dir. Du hattest im s├╝ndhaft teuren Hotel Majestic und ich nebenan im billigeren Catedral gewohnt. Wei├čt du, die Alte, die dir das Geld klaute, war mein Gl├╝ck. Kaum war sie weg, hast du gesp├╝rt, dass deine Handtasche fehlte. Du bist immer wundersch├Ân, auch heute noch, aber ich werde nie das Bild von dir damals vergessen: Deine weit aufgerissenen, blauen Augen, deine langen, dunkelblonden Haare, die dir fast bis an die H├╝fte reichten, dein flatteriges Blumenkleid mit den Peace-Zeichen und den Sonnenblumen, geh├Âren zu den sch├Ânsten Erinnerungen in meinem Leben, auch wenn es dir in dem Moment schrecklich ging. So sehe ich dich noch vor mir.

Ich glaube, ich h├Ątte nie den Mut gefunden, dich anzusprechen, h├Ąttest du mich nicht gebraucht. Du zogst zu mir ins Hotel Catedral. Du warst die erste Frau f├╝r mich und hast es gesp├╝rt. Die kommenden Tage und N├Ąchte gab es nur uns beide, es gab uns in der sch├Ânsten Kulisse, die die Welt zu bieten hatte: Oaxaca mit seinen Stra├čencaf├ęs am Marktplatz und seiner Junisonne auf unserer Haut, die k├╝hlen N├Ąchte in der Hochebene, in denen wir uns zum Zirpen der Grillen liebten, das Lachen der bettelnden Kinder, mit denen du gescherzt hast: Erinnerst du dich? Du hast den Kleinen mit der triefenden Rotznase den Liedtext von ┬╗Adelita┬ź auf die R├╝ckseite der Speisekarte schreiben lassen. Wei├čt du noch, wie er sich gefreut hat, als du ihm daf├╝r ein paar M├╝nzen in die Hand gedr├╝ckt hattest? Er lief wieder und wieder strahlend an uns vorbei, und wir haben ihn angelacht. Ich glaube, das war der Moment, an dem ich begann, dich zu lieben, dich wirklich zu lieben. Ich liebe dich noch immer.

Nach fast vierzig Jahren warst du weg. Nur unser Sohn war uns als Verbindung geblieben. Die Arbeit hatte uns getrennt, und die Zeit brachte uns einander nicht n├Ąher. Ein Brief lag auf dem K├╝chentisch. Er lag da, wo ich ihn finden musste, denn da sa├č ich seit vierzig Jahren. Da sa├č ich, seit wir uns dieses Reihenhaus gekauft hatten, in dem wir uns verlieren mussten. Du warst weg mit Rolf. Er konnte dir geben, was du bei mir schon lange vermisst hattest. Was hatte ich falsch gemacht?

Ich wei├č nicht, was mit mir beim Fast-Vollmond geschah. Ich dr├╝ckte die linke Maustaste und war wieder auf dem Z├│calo. Im Hotel Catedral musste ich nur meinen Namen sagen. Es ging erstaunlich schnell. Als ich den Aufzug hochfuhr, fragte ich mich, ob sie sich noch an mich erinnerten, obwohl ich graue Haare und einen Bart hatte. Sie gaben mir sofort das Zimmer. Ich musste nicht einmal meinen Pass vorweisen.

Als ich den Chip in das T├╝rschloss schob und ins Zimmer trat, warst du da. Der Rucksack fiel mir aus der Hand. Du hast nur gesagt, ┬╗manche Dinge geschehen einfach┬ź und mich gek├╝sst.

Taschenbuch

( 978-1523713110 )