(v)erleiden

Sein Leben gestaltet er sich so, wie er sich darin wohlfühlt: Er lebt eher zurückgezogen, liest viel, liebt gute Musik und pflegt eine intensive Brieffreundschaft mit seinem Freund Thomas, der vor einiger Zeit in die USA gezogen ist. Ein ruhiges Leben, in dem es Konstanz und Beständigkeit gibt. Wie bei Bill Murray, nur ohne Murmeltier. Sein Alltag wird aufgewirbelt, als Wiebke in sein Leben tritt – eine Frau, die ihm auf Augenhöhe begegnet, seine Interessen teilt, sein Leben vervollständigt. Er ist glücklich. Eigentlich. Denn tief in ihm keimen Zweifel auf, ob er der Beziehung wirklich genügt, und Ängste, das wieder zu verlieren, was er sich so sehnlich gewünscht hat. Und bekanntlich führt die Spirale der Angst abwärts …

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 183 | Genre Liebesroman | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+

Taschenbuch

( 9783739298405 )

„In diesen letzten Tagen verging die Zeit im Nachhinein betrachtet wie im Flug, obwohl sie zwischendurch immer wieder stillzustehen schien. Es ist interessant, wie lange sich eine eigentlich kurze halbe Stunde anfühlen kann, wenn man zusammengekuschelt am Sofa liegt, das Buch in der einen Hand, den Partner in der anderen, die Gedanken sind längst fort, hinter dem Saturn links abgebogen, und nicht mehr im Kapitel dreizehn auf Seite zweihundertsiebenundvierzig. Jeder Blick auf die Uhr erzeugt ein »Oh«, weil die Zeiger, als hätten sie Angst ein Geräusch zu erzeugen, mitten in der Bewegung verharren, die Welt den Atem anhält um uns die Möglichkeit zu geben, diesen Moment tiefer und tiefer ins Gedächtnis zu brennen, um ihn für immer zu erhalten.
Aus vierzehn Uhr wird fünfzehn Uhr, wird sechzehn Uhr. Zeit verrinnt in Bedeutungslosigkeit. Man hat mehr als genug davon, weiß nicht, wie man sie füllen soll und nimmt sich viel vor und verweilt im Endeffekt in der bequemst möglichen Position am Sofa, welche man nur selten verlässt. Statt dem üblichen Kaffee blieben wir den ganzen Tag über bei heißem Tee, weil die Notwendigkeit, bereits in der Früh wirklich munter und nicht nur wach zu werden, schlicht entfiel. Und aus dem vorgezogenen Neujahrsvorsatz mehr Sport zu treiben wird ein »später« und letztendlich ein »es ist zu spät«, womit man sich gemeinsam am Sofa vor dem Fernseher wiederfindet, nur um einen Film später zusammen in der Badewanne oder zumindest unter der Dusche zu landen, um sich wieder etwas aufzuwärmen, was beides unweigerlich ins Bett führt, wobei an Schlaf noch nicht zu denken ist, denn kein Wecker stört uns zwei am Morgen, den wir bis in den Vormittag hinein zelebrieren, womit sich das Spiel wiederholt. Jeden Tag bis weit in die erste Januarwoche hinein. Nur unterbrochen von der Nacht zum neuen Jahr, die wir munter und wach in der Stadt verbringen sollten. Nicht nur um unseretwillen, sondern weil wir Freunde für eine Fete zu viert mit vielen Hunderten, wenn nicht gar Tausenden anderen Menschen eingespannt hatten.“



„Ich überlege, wieder mit dem Rauchen anzufangen. Ich sähe das als eine Art schleichenden Selbstmord, nachdem ich zu feige bin, meine Existenz rasch zu beenden. Um ehrlich zu sein, habe ich Angst davor, dass ein gezielter Suizid nicht klappt. Ich hasse Schmerzen und die Aussicht mit einer Behinderung zu leben.
Und ich liebe diese destruktive Ästhetik des kalten blauen Rauchs, der sich im Zimmer verteilt. Diese Lässigkeit, mit der die Protagonisten in Filmen und auf Fotos den Tod ein- und wieder ausatmen, als könne er ihnen nichts anhaben. Viele von diesen Vorbildern sterben ohnehin vorzeitig an Übermut.
Pragmatiker bezeichnen es als Unfälle. Aber es ist und bleibt der Versuch das, was sich Leben nennt, zu genießen und auszukosten und dabei ans Limit zu gehen. Wobei der Schritt über das Limit hinaus von einem selbst auch dann noch nicht als Schaden oder Verlust betrachtet wird. Nicht, weil es sich just in diesem Moment zeitlich nicht mehr ausgeht. Und im Vorfeld nicht, weil es die einzige Möglichkeit zu sein scheint, sich selbst zu spüren, sein Leben zu spüren, wobei auch hier die Dosis der Droge namens Adrenalin kontinuierlich erhöht werden muss. Bis zum Knall.
Sozusagen ein Leben am Rande des Abgrunds und den Sturz noch als ultimatives Freiheitsgefühl empfinden.“

Taschenbuch

( 9783739298405 )