Abenteuer eines Studierenden

Michael Seiler probierte sich zunächst beruflich aus, bevor er sich dann doch noch zum Studium der Skandinavistik und Anglistik aufraffte. Erste Folgeschäden sind bereits erkennbar.

Schlagworte zum Buch: Satire,Humor,Studium,Geisteswissenschaft,freche,Sprüche

Aufrufe 131 | Genre Humor | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+

Taschenbuch

( 978-1499763140 )

ch bin auf Nahrungssuche. Wie ein Jäger und Sammler aus vorgeschichtlicher Zeit durchforste ich Regalwälder und Küchenschrankhöhlen. In einer mit Stalagmiten aus gefrorenen Nahrungsmitteln bestehenden Eisgrotte, pardon, im Gefrierschrank, stoße ich auf ein antike Tiefkühlpizza aus den 1990er Jahren.
Ich überschlage im Kopf, wie viele Studentengenerationen dieses Produkt schon überdauert hat. War das Wohnheim damals überhaupt schon gebaut? Ich gebe mich der Übermacht der Mathematik geschlagen und betrachte neugierig die Beschriftung des Pizzakartons. Brokkoli und Rucola. Kein Käse, keine Salami, kein Schinken, dafür aber Tomatensoße unter dem Gemüse. Immerhin. Der Grund für das wahrhaft biblische Alter dieses Artikels wäre damit gefunden.
Knurrend bringt sich mein Magen in Erinnerung.
»Sei gefälligst still!« knurre ich zurück. »Wir werden schon was zu Essen finden.«
»Sag mal, führst du Selbstgespräche?«
Ich wirbele herum. Vor mir steht ein leibhaftiges Déjà-Vu-Erlebnis: die blonde Unbekannte von gestern.
»Heyyyy.« sagt sie und winkt in meine Richtung.
»Hi.« sage ich. »Wohnst du auch hier?«
Gleichzeitig packt mich eine eisige Kälte und ich bekomme Gäsenhaut am ganzen Körper. Ich schließe die Tür des Gefrierschranks und setze mich an den Küchentisch.
»Jo, bin vorgestern eingezogen.« erwidert die Studierende und gönnt uns beiden erneut ein blendendes Zahncrème-Lächeln. »Was studierst‘n du?«
»Nordische Philologie und ein Zweitfach, an das ich nicht so gerne denke.«
»Nordische … was?«
»Ja.« erwidere ich mit einem Schulterzucken. »So reagieren die meisten.«
Sie setzt sich mir gegenüber und stützt das Kinn auf die Handfläche. Für einen Augenblick beäugen wir uns schweigend. Schließlich durchbricht sie die Stille.
»Und … was macht man da so?«
»Ja, also …« beginne ich. »Man lernt Sachen über die nordische Kulturgeschichte, skandinavische Literatur und Sprachen.«
»Was kannst du so für Sprachen?« fragt sie.
»Dänisch und Schwedisch hauptsächlich.«
»Voll cool! Sag‘ mal was auf Dänisch!«
Ich entscheide mich für einen Klassiker: »Rød grød med fløde er meget meget godt.«
Sie lacht auf und klatscht begeistert in die Hände.
»Das ist ja im Prinzip so ähnlich wie Deutsch, oder?«
»Äähhh, naja … « sage ich und versuche zu verdrängen, wie oft ich mir diesen Satz schon anhören musste, der alle wissenschaftlichen Erkenntnisse meines Studiums mit einem Schlag relativiert.
»Es gibt da schon noch ein paar Unterschiede, gerade aus sprachhistorischer Sicht.«
»Aha.« sagt sie. »Und jetzt was Schwedisches!«
Ich denke angestrengt nach, um einen sprachlich anspruchsvollen aber inhaltlich sinnfreien Satz auf Schwedisch zu formulieren. Dabei fällt mein Blick zufällig auf ihr T-Shirt. Darauf steht in silbernen Glitzerbuchstaben auf rosa Hintergrund: #YoloSwaggyNerdGirly.
Sie scheint den Blick missverstanden zu haben, denn ihr Dauerlächeln verschwindet und sie verschränkt demonstrativ die Arme vor dem Brustkorb.
»Ich hab‘ dein T-Shirt gelesen.« sage ich.
»Ach so?« meint sie.
»Ja. Da steht du bist ein Nerd. Was zockst du denn so? Beherrschst du auch ein paar Programmiersprachen?«
Ein Ausdruck ratloser Verwirrung überzieht ihr Gesicht.
»Ääähh, also … ich hab‘ dieses Spiel mit den Vögeln auf‘m Handy, am PC hauptsächlich Die Sims, Farmville und Need For Speed 2 und mein Bruder hat diese eine komische Konsole wo man immer so mit dem Joystick rumwedelt.«
»Aha.« sage ich und kann mir nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen.
»Aber viel lieber mag ich eigentlich Filme, Bücher und Comics.« fährt sie fort. »Vor allem Twilight, Harry Potter und Fix & Foxi.«
»Also bist du vielleicht eher ein Geek.« stelle ich fest.
»Äh, ja.« sagt sie und sieht dabei noch verwirrter aus als vorher. »Außerdem geh‘ ich immer mit ‘nem umweltverträglichen Jutebeutel im Fairtrade-Bioladen einkaufen, mag so dicke Brillen und steh‘ übrigens voll auf Bärte.« ergänzt sie mit einem Zwinkern in meine Richtung.
»Das geht jetzt aber eher in Richtung Hipster.« sage ich.
»Kann sein, ja, stimmt!«
»Is‘ eh alles das Gleiche.« sagt Gustaf, der zufällig soeben die Küche betritt. »Ein Haufen Leute, die gerne alternativ wären und dabei unbemerkt einen neuen Mainstream erschaffen, der dann kommerziell ausgeschlachtet wird.«
»Das ist Gustaf«, stelle ich vor, »er ist der Meinung, dass …«
» … diese Leute an echter politischer Veränderung soviel bewirken können wie eine Horde gestylter Elefanten in der Meißner Porzellanmanufaktur.«
»Ich bin voll für Veränderung!« ruft unsere neue Mitbewohnerin. »Ich esse nur Bio-Gemüse und ökologisch verantwortlich produziertes Weidefleisch, weil ich finde, dass …«
Der Rest ihres Satzes geht in ohrenbetäubendem Lärm unter. Die Tür fliegt auf und Silke stürmt auf klappernden Holzabsätzen herein. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass sie und Gustaf draußen gelauscht haben, um an einem prekären Punkt der Konversation ein ideologisches Tribunal gegen meine Gesprächspartnerin zu eröffnen.

Taschenbuch

( 978-1499763140 )