ALICK. Ein Sarah Bernstein Krimi

Eine Frau sieht während der Messe im Kölner Dom den Teufel, zerkratzt einem Kleriker das Gesicht und landet in der psychiatrischen Abteilung der Universitätsklinik. Verdacht auf Psychose, schreibt Dr. Sarah Bernstein in ihrem Aufnahmebericht. Sarah hegt allerdings schon bald Zweifel an ihrer ersten Diagnose. Handelt es sich nicht eher um ein Posttraumatisches Belastungssyndrom? Was ist in der Vergangenheit ihrer Patientin Johanna Kirch geschehen? Sarah, im Privatleben Krimiliebhaberin und passionierte Schnüfflerin, will das Geheimnis lüften. Sie begegnet Hauptkommissar Marek, der einen Mordfall mit satanistischem Hintergrund lösen muss. Die beiden Fälle scheinen zusammenzuhängen. Aber wie? Und was bedeutet das eingeritzte A-L-I-C-K auf der Brust des Ermordeten? Das ungleiche Ermittler-Duo nimmt Spuren auf, die weit in die Vergangenheit reichen und in die Abgründe menschlicher Seelen führen …

Schlagworte zum Buch: Kriminalroman.

Aufrufe 162 | Genre Krimi | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+

Kindle Edition

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1. Kapitel
Es wird allmählich hell. Der längste Tag des Jahres ist angebrochen. Eine weitere schlaflose Nacht liegt hinter Johanna. Stundenlang ist sie durch ihre kleine Wohnung gewandert. Vom Wohnzimmer in die Küche, von der Küche ins Schlafzimmer und wieder zurück ins Wohnzimmer. Immer wieder denselben Weg. Jetzt sitzt sie im Schneidersitz auf dem Boden, vor sich eine Tasse, noch zur Hälfte mit dem Kaffee gefüllt, den sie vor Stunden gekocht hat. Daneben ein Aschenbecher voller Kippen. Ihr Körper ist erstarrt, er sehnt sich nach Schlaf.
Die Bilder in ihrem Kopf halten Johanna wach. Gesichter von weinenden Babys und schreienden Kindern. Mitten in der Nacht hat sie einen Artikel aus der Zeitung ausgeschnitten. Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach zwei aus dem Heim verschwundenen Jungen. Dem Heim, in dem sie selbst vor vielen Jahren gearbeitet hat. Johanna hat den Artikel in den braunen Umschlag zu den anderen Zeitungsausschnitten und dem Zettel mit der Telefonnummer gesteckt.
Die Bilder, die Johanna bedrängen, beginnen, übermächtig zu werden. Sie hält die Anspannung kaum noch aus, glaubt, sie zerspringe gleich. Sie möchte, dass die Bilder sie nicht mehr länger quälen, sondern verschwinden. Doch sie kommt nicht gegen die Flut an.
Alle Gesichter verschmelzen schließlich zu einem einzigen. Dem Gesicht eines Babys.
In ihrer kleinen Wohnung kann Johanna nicht mehr atmen. Sie muss hinaus ins Freie. Über Nacht ist die Wohnung zu einer Zelle geschrumpft. Die Wände stürzen auf sie ein. Johanna zündet sich eine Zigarette an. Halb geraucht drückt sie sie im Aschenbecher wieder aus. Dann steckt sie das fleckige Kuvert in ihre Umhängetasche und verlässt die Wohnung. Sie nimmt den Weg durchs Treppenhaus. Im Fahrstuhl könnte ihr jemand begegnen. Das möchte sie vermeiden. Niemand soll sie sehen. Am liebsten wäre sie für ihre Mitmenschen unsichtbar.
Mittlerweile ist es vollends hell geworden. Johanna wartet, bis die Glastür des Hochhauses ins Schloss gefallen ist, dann geht sie los. Den Blick auf den Boden gerichtet, setzt sie mechanisch wie ein Roboter einen Fuss vor den anderen. Sie hat kein Ziel, einfach nur gehen, irgendwohin oder nirgendwohin.
Stunden später irrt Johanna ohne Orientierung durch die Kölner Innenstadt. Obwohl es warm ist, friert sie. Die Kälte kommt von innen. Johanna überquert eine Straße, ohne auf den Verkehr zu achten. Autofahrer bremsen und hupen. Plötzlich weiß sie wieder, wo sie sich befindet. Sie steht vor dem Hauptbahnhof. Die Zunge klebt ihr am Gaumen. Sie möchte etwas trinken, sieht sich nach allen Seiten um und läuft dabei in einen Mann.
»Pass doch auf!«, schreit er wütend.
Johanna hastet erschrocken weiter. Den Vorsatz, im Hauptbahnhof ihren Durst zu löschen, vergisst sie wieder. Wenig später erreicht sie den Dom, wo sie reglos vor einem der Seiteneingänge des mächtigen Bauwerks stehenbleibt. Verzweiflung und Angst sind so groß wie schon lange nicht mehr. Die Augen weit aufgerissen zittert Johanna am ganzen Körper.
Zwei Frauen bitten sie höflich, zur Seite zu treten und den Weg frei zu machen. Johanna dreht sich um, versteht jedoch nicht, was man von ihr will. Die Frauen blicken in ein Gesicht, in das sich der Schmerz eingegraben hat und weichen erschrocken zurück. Die ältere der beiden Frauen fasst sich ein Herz.
»Ist Ihnen nicht gut?«
Johanna reagiert nicht. Ob ihr nicht gut sei, wiederholt die Frau ihre Frage. Johanna hört die Worte, doch sie ergeben keinen Sinn.
Gut? Nichts ist gut. Sie bleibt stumm, beißt sich so fest auf die Lippen, dass es schmerzt.
»Brauchen Sie Hilfe?«
Johanna zuckt verwirrt die Achseln. Wer kann ihr helfen? Gott? Vielleicht ein barmherziger Gott. Er liebe die Menschen, hat sie als Kind im Religionsunterricht gelernt. Darum habe er seinen Sohn auf die Erde gesandt, damit er für ihre Sünden am Kreuz sterbe. Auch für ihre Sünden? Johanna schüttelt den Kopf und murmelt leise: »Keine Hilfe.«
Zögernd folgt die Frau ihrer Begleiterin, die inzwischen die schwere Holztür des Seiteneingangs geöffnet hat, dreht sich aber noch einmal um und wirft einen letzten, bedauernden Blick auf die arme Verrückte, die anscheinend ebenfalls an der Messe im Dom teilnehmen möchte.
Johanna ist der Frau gefolgt, aber sofort wieder stehen geblieben, weil sie sich nicht entscheiden kann, ob sie den Dom betreten oder wieder umkehren soll.
Sie ist ausgestoßen. Das ist der gerechte Lohn für alles, was sie getan hat, findet Johanna. Die Kathedrale, Sinnbild der Gemeinschaft der Gläubigen, reckt sich vor ihr in den blauen Himmel empor zu Gott. Sie gehört nicht mehr dazu, sie gehört dem Teufel. Ihre Lippen bewegen sich. »Verschwinde von hier«, sagt sie lautlos zu sich selbst.

Kindle Edition

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