Alt und frei: Stories vom Lieben und Lästern

Ihr wollt jung bleiben? Vergesst es, das tut ihr so oder so nicht. Stehen wir lieber zu dem, was wir mittlerweile sind: alt und frei. Genießen wir es und lachen über die Alten, die mit Anti-Aging versuchen, ihre Falten los zu werden. Falten sind ein Teil von uns geworden. Die Gesellschaft werden wir kaum noch verändern, aber wir haben es zumindest versucht. Vieles ist gelungen, vieles ist schief gelaufen. Dass wir es versucht haben, darauf dürfen wir stolz sein, aber es ist vorbei. Was soll´s? Der Horizont kommt näher, das macht uns frei. Nutzen wir es! Und damit ihr was für den Nachttisch habt, habe ich euch und mir diese Kurzgeschichten geschrieben.

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 166 | Genre Drama | Sprache | Altersempfehlung 40+ | Website zum Buch Link

Taschenbuch

( 978-3844890891 )

Ein Tag in Stratholme
© 2012, Peter Hakenjos. Alle Rechte vorbehalten
Am Vatertag konnte keiner außer mir. Am Tag darauf musste Eloro mit seinen Eltern auf den
Geburtstag seines Onkels und Kalran hatte eine wichtige Klassenarbeit. Nachtprinz hatte gerade
Schicht und konnte sowieso nicht. Mit Eloro und Kalran hatte ich mich richtig angefreundet aber es
war wie verhext. Normalerweise sind wir in World of Warcraft1
etwas über zehn Leute, aber heute
hat sich unsere kleine Gilde nicht gefunden. Von unseren Heilern will ich erst gar nicht reden. Geh
mal in einen richtigen Kampf ohne Heiler oder nur zu dritt! Heiler braucht jede Gilde. Die bleiben im
Hintergrund und sind meistens Mädels. Die Jungs kämpfen vorne. Ich selbst bin Krieger vom
Geschlecht der Draenei und heiße Alamiros. Nein, die Woche fing nicht gut an. Ich bin alleine los
gezogen und habe ein wenig gefarmt. Muss hin und wieder sein, um Geld zu bekommen. Meine
Waffen hatten durch einen aussichtslosen Kampf mit einer Gilde der Horde total gelitten. Die Jungs
waren echt gut, aber wir haben einiges von ihnen gelernt. So ganz alleine musste ich mich jetzt mit
bösartigen Artefakten rumärgern, um ein wenig Kupfer oder gar Gold zu machen. Das langweilt mit
der Zeit. Die meisten Artefakte ähneln einander und nur selten fällst du auf irgendeinen blöden Trick
herein. Eigentlich bin ich mit meiner Gilde gerade in Stratholme im Norden der Östlichen Pestländer.
Dort wimmelt es von, Spinnen, Akolyten, Untoten und anderem, das sich in den brennenden
Stadtruinen versteckt. Auf Stratholme sind aber fast nur Spieler auf Stufe sechzig und höher. Wir
dümpeln auf einem niedrigeren Level herum. Da musst du schon fit sein, sonst bist du sofort weg
vom Fenster und verlierst einiges.
Ich war dabei, einen zähen Artefakt fertig zu machen, da skypt mich Kalran an Er wohnt vierhundert
Kilometer weg von mir in Essen und hatte gerade ein Wahnsinnsproblem mit seiner Klassenarbeit.
Zum Glück war ich da. In meiner Gilde gab es einige mit Matheproblemen, die im Unterricht nichts
kapierten oder schliefen und dann vor der Klassenarbeit in Panik gerieten. Irgendwann hatte einer im
Teamchat rumgejammert, dass er mit seinen Mathehausaufgaben nicht zurecht käme und deshalb
raus müsse. Damit er blieb, hatte ich ihm vorgeschlagen, seine Aufgaben zu machen, er solle sie mir
als Datei rüberschieben. Ich habe mir dafür auf die Schnelle einen Skype-Account gemacht. Die
Mitglieder meiner Gilde und nicht nur die, hatten auf die Art schnell raus, dass sie mich bei
Matheproblemen fragen konnten. Heute ging es um die Binomischen Formeln, also kein großer Deal.
Ich habe versucht, sein Problem zu verstehen und ihm geholfen. Beim Chat in Skype ist der JaDaumen
erschienen, er hatte es kapiert. Super, sagte ich noch und er musste mir versprechen, sofort
nachdem er alles mit der Klassenarbeit im Koffer hatte, in WoW zu erscheinen. Selbst wenn sonst
niemand gekommen wäre, zu zweit ist es durch den Teamchat immer noch spannender, als alleine.
Aber, wenn nichts läuft, läuft nichts. So war es auch heute. Kaum war es fünf Uhr, kam Kalran und
dann auch gleich noch Eloron. Ich hatte mal wieder die Zeit vergessen. Es klopfte an meiner Tür und
Marvin, alias Nachtprinz, steht da: „Na Ruth, altes Mädchen, mit deinen vierundachtzig mal wieder
ein paar Untote kalt gemacht? Aber jetzt gibt es erst Abendessen, sonst versinkst du noch im
Sumpfland der Östlichen Königreiche oder wirst durch eine Unachtsamkeit Opfer eines
Schleimmonsters und ich als dein Heiler muss dich nachher wieder reparieren. Wir brauchen dich
doch als Krieger.“

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Ich maule noch ein wenig und protestiere pro forma, aber Marvin greift einfach meinen Rollstuhl
und schiebt mich runter in den Speisesaal. Irgendwann muss ich wohl auch Kalran und Eloro
beichten, dass ich Mathelehrerin war. Aber das muss nicht heute sein.

Taschenbuch

( 978-3844890891 )