April Moon: Hexenrune

April ist kein gewöhnliches Mädchen, sondern eine Hexe! Schamlos nutzt ihre Mutter Aprils besondere Gabe aus, um sich gierig zu bereichern. Doch eines Tages ist der Punkt erreicht, an dem die Junghexe ihrer Mutter die Grenzen aufzeigt. April entscheidet sich, ihr eigenes Leben zu leben, auch wenn sie erst fünfzehn Jahre alt ist. Verzweifelt schließt sie sich einem okkulten Prager Verbund von Hexen und Hexern an, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor allem Teenager-Hexen unter seine Fittiche zu nehmen und diese zu fördern. Doch als April ein altes Geheimnis aufdeckt, das die Grundfesten der Organisation erschüttert, wird sie vom Schützling zur Gejagten unter ihresgleichen …

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 148 | Genre Fantasy | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 12+ | Website zum Buch Link

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Draußen schüttete es wie aus Kübeln. Die Regentropfen, die gegen die Fensterscheiben des Autos prasselten, verwandelten sich in dünne Rinnsale, die sich in Sekundenschnelle verästelten. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren. Ich saß auf dem Beifahrersitz und verfolgte mit dem Zeigefinger den Weg eines Regentropfens, den er unvorhergesehen einschlug. Irgendwie erinnerte er mich an mein eigenes Leben, in dem aber leider meine Mutter die Führung übernommen hatte. Insgeheim wünschte ich mir, nie als Hexe geboren worden zu sein, sondern stattdessen das Leben eines normalen Menschen führen zu können. Dann hätte ich wenigstens nur die alltäglichen Sorgen eines gewöhnlichen Mädchens gehabt, wie Schminke, Mode und Jungs. Das Verhältnis zu meiner Mutter war schon seit Längerem gestört, und ich wusste, dass sie sich niemals ändern würde. Schon wieder hatte sie mich ins Auto gezerrt, obwohl ich überhaupt keinen Bock hatte. Stattdessen hätte ich lieber ein spannendes Buch gelesen. In den fiktiven Welten der Bücher konnte ich mich verlieren und meine trostlose Gegenwart für einen Moment vergessen.
Wir befanden uns gerade auf dem Weg nach Beroun, eine Stadt, die sich dreißig Kilometer westlich von meiner Heimatstadt Prag befand. Als der Regentropfen, den ich verfolgt hatte, von der Bildfläche verschwunden war, warf ich einen vorsichtigen Blick auf meine Mutter. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, zählte sie im Geiste schon die zu erwartenden Geldbündel. Meine Mutter war so skrupellos, von den Menschen, die von mir geheilt werden wollten, Geld zu verlangen. Ja, meine angeborene Fähigkeit war das Heilen! Ich sah das komplett anders als meine Mutter: Für mich war das Talent der Heilung ein wertvolles Geschenk, das ich von der Göttin in die Wiege gelegt bekommen hatte. Ich persönlich würde dafür nicht eine einzige Tschechische Krone nehmen. Sporadisch heilte ich sogar Freunde oder Bekannte, ohne dass meine Mutter davon erfuhr und ohne dafür Geld zu nehmen. Die Habgierigkeit meiner Mutter war ohnehin abstrus, da unsere Familie der reichen Oberschicht angehörte. Dennoch heilte ich aus tiefstem Herzen.
Ich überlegte gerade, meine geldgierige Mutter zu fragen, wie lange es denn wohl noch dauern würde, bis wir endlich bei dem verletzten Mädchen ankommen würden, als sie mir zuvorkam: „April, laut Navi sind wir in zehn Minuten am Ziel. Du weißt, was du zu tun hast.“
„Ja, mach’ ich gleich“, sagte ich im gelangweilten Ton, „und ich hoffe, dass dies der letzte Patient für heute ist, denn ich habe morgen eine schwierige Mathearbeit vor mir. Aber wahrscheinlich werde ich ohnehin wieder eine Sechs schreiben. Ich meine, wann soll ich denn bitte schön lernen, wenn ich die ganze Zeit meine heilenden Hände einsetzen muss?!“
„Spar dir deinen zynischen Kommentar“, fuhr sie mich an. „Meinst du, mich interessieren deine Schulnoten? Hauptsache, die Kasse stimmt. Und jetzt erde dich endlich!“
Ich sagte nichts. Was sollte ich ihr schon antworten? Egal, was ich sagen würde, es würde sowieso nichts bringen. Wenn ich ihren Aufforderungen nicht Folge leisten würde, würde ich mir wieder eine blutige Nase holen oder blaue Flecken, und darauf hatte ich wirklich keine Lust. Also bereitete ich mich auf das Erden vor. Es war eine Technik, um mich geistig mit Mutter Erde zu verbinden. An welchem Ort ich mich befand, war dabei egal. Es klappte auch, wenn ich mich in einem höheren Stockwerk eines Wohnhauses aufhielt oder wie jetzt in einem fahrenden Auto. Am schönsten und intensivsten war es natürlich, wenn ich dabei mit meinen Händen das frische Gras berühren konnte. Ich musste mir nur vorstellen, dass ich ein Baum wäre, dessen verästelte Wurzeln tief in das Erdreich hinabragten, und wie ich die Energie der Erde mittels meiner imaginären Wurzeln in mir hochzog.
Während ich meine Augen geschlossen hielt und mich in Trance befand, war ich nicht mehr das weizenblonde 15-jährige Mädchen, sondern ein schlanker, weißer Birkenbaum. Ich hatte immer schon eine Affinität zu dieser Baumart, deswegen war es mir ein Leichtes, sie mir vorzustellen. In diesem anderen Bewusstseinszustand war ich der einzige Baum weit und breit, der auf einem kleinen, saftgrünen Hügel stand. In meiner selbst erschaffenen Welt stellte ich mir alles so intensiv vor, als wäre es Wirklichkeit.
Die fünf Elemente – Luft, Feuer, Wasser, Erde und Geist – waren allgegenwärtig. Ich spürte das Element Feuer in Form der Sonne, die meinen Stamm und meine Blätter wärmte und mir Kraft von außen gab. Die Umarmung der Sonne schenkte mir ein geborgenes Gefühl. Ebenso nahm ich das Element Luft wahr, das in Form eines leicht aufkommenden Windes durch meine Blätter fuhr und meine Äste hin und her wogen ließ. Nun versetzte ich mein Bewusstsein unter die Erde, und ich fühlte meine Wurzeln, die sich in alle Richtungen ins Erdreich ausstreckten. Die Erde gab mir festen Halt und war mein Nährboden. Meine Wurzelsinne erspürten eine nahe liegende Energiequelle.

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