Auf dem Jakobsweg durch die weiße Hölle

Ein etwas anderer Bericht vom Jakobsweg. Auf der Wanderung im Sommer erfuhr ich, es gäbe noch einen weiteren Jakobsweg in Spanien. Einen viel älteren. Camino Primitivo – der ursprüngliche Weg. Erste Pilger waren schon im 9. und 10. Jahrhundert aufgebrochen, nahmen die Wanderung durch die gebirgige Landschaft im Nordwesten Spaniens auf sich, überwanden hohe Pässe mit dem Ziel Santiago de Compostela. Die Kleine Schweiz nennen Spanier diese wilde Region, über der sich die majestätischen Gipfel der Picos de Europa erheben. Ruhelos, geistig noch auf dem Camino Francés und ständig mit dem Gedanken befasst zurückzukehren, hatte ich mir vorgenommen, noch vor Jahresende eine weitere Tour zu unternehmen. Dieser alte Pilgerweg mit einer Länge von 320 Kilometern wäre leicht in zwei Wochen zu Fuß zurückzulegen. Goldenes Herbstwetter wurde vorhergesagt und Pilgerherbergen sind laut Plan durchgehend bewirtschaftet. Kurzentschlossen starte ich. Alles wird anders: Vom Wintereinbruch überrascht, entwickelt sich der Marsch im Schneesturm über tiefverschneite Bergpässe zum Alptraum. Willkommen in der weißen Hölle!

Schlagworte zum Buch: Jakobsweg,Pilgern,Santiago,Wandern,Spanien,Camino

Aufrufe 132 | Genre Abenteuerroman | Sprache deutsch | Altersempfehlung 0+

Taschenbuch

( 978-1511781701 )

eBook

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Fahrt durch die Nacht

24. November, Anreise

»Diesen Weg sollte man auf keinen Fall im Winter unternehmen.«
Als ich die Warnung im Pilgerbericht lese, ist meine Entscheidung getroffen: Ich werde den Camino Primitivo gehen.
Es ist Ende November, goldener Herbst und kein Winter in Sicht. Bis jetzt noch nicht. Also der richtige Moment, die ultimative Chance, vor Einbruch der kalten Jahreszeit das Jahr mit einer letzten Wanderung zu segnen.
Am Spannendsten finde ich, Wege selbst zu entdecken. Nicht nach einem Plan oder mit einem Reiseführer vor der Nase zu wandern. Ganz unvorbereitet wollte ich die Tour aber nicht beginnen: sind die Pilgerherbergen überhaupt zu dieser Jahreszeit geöffnet? Wo kann ich übernachten?
Eine Liste aller Herbergen des Weges - in welchem Ort sie sich befinden und welche Entfernungen dazwischen liegen - habe ich mir ausgedruckt. Laut den Informationen einer spanischen Internetseite sind alle Pilgerherbergen 365 Tage im Jahr, also durchgehend geöffnet. Das entscheidende Kriterium ist erfüllt. Perfekt!
Jetzt sitze ich im Fernbus, bin auf dem Weg zurück nach Spanien, fahre durch Frankreich und nähere mich den Pyrenäen.
Eigentlich war ich niemals ganz fort von hier – mein Geist war im vergangenen Sommer auf dem Jakobsweg, dem Camino Francés nach Santiago de Compostela hängengeblieben. Dort, in der weitläufigen Hochebene, in einem Dorf der tiefsten spanischen Provinz, hatte ich von einem portugiesischen Pilger in einer Herberge erfahren, es solle noch eine andere Variante des Jakobsweges geben. Einen noch viel älteren. Den ursprünglichen Weg. Den Camino Primitivo.
Für mich ist es ist ein Versuch, mental zurück in die Wirklichkeit zu finden. Möglicherweise wird es schauderhaftes Wetter geben, vielleicht wird die Tour unangenehm. So werde ich zur Erkenntnis kommen: der Camino ist etwas ganz Normales. Und vielleicht ist es die passende Medizin, wenn man sich auf dem Jakobsweg davor unglücklich verliebt hat.
Es sitzen viele Pendler im Bus, Glücksritter auf der Suche nach einem Job. Aushilfsarbeiter, die sich in Deutschland für wenige Münzen verdingt haben und in ihre Heimat zurückkehren. Ein Spanier, der ebenso mit dem Fernbus reist, erzählt mir während einer Pause: er wäre dem Ruf nach Frankfurt gefolgt, denn man hätte ihm einen Job auf einer Baustelle angeboten. Dort angekommen - fährt er fort - sagte man ihm: nein, es wäre ein Irrtum, momentan hätte man keinen Bedarf. Pech gehabt! Der Spanier hat noch einen weiten Weg vor sich. Er kehrt zurück nach Malaga, eine weitere Tagesreise mit dem Bus.
Alle drei Stunden verlassen wir die Autobahn und halten an einer Raststätte. Neun Uhr abends erneut Pause und Gelegenheit, mir die Beine zu vertreten. Als ich an unserem Reisebus vorbeilaufe, öffnen sich die Klappen des Gepäckfachs und in dem Moment fällt etwas heraus. Bin ich der Einzige, der dies bemerkt? Überrascht erkenne ich: es ist mein Rucksack! Genaugenommen ist es nicht mein eigener, denn diesen habe ich nur geliehen. Unter keinen Umständen darf er verloren gehen, denn darin befindet sich alles, was ich für die Pilgerreise mitgenommen habe. Flugs greife ich nach ihm, verstaue ihn tiefer im Gepäckraum und äußere stumm den Wunsch, er möge bis zum Ende der Reise nicht verloren gehen. Ich bin nicht abergläubisch, daher interpretiere ich dieses Malheur auch nicht als ein böses Omen. Wenn ich erst in Oviedo angekommen sein werde, von dort aufbreche und die letzten Tage des Jahres bei einer wunderschönen Herbstwanderung auf dem Jakobsweg verbringen kann, wird das Jahr vollkommen sein.
Die Nacht bricht herein, Schatten senken sich über die Landschaft.
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Taschenbuch

( 978-1511781701 )

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