Dämmernebel (Flamme der Seelen Bd. 1)

»Er ist weg!« Diese drei Worte sind alles, was der vierzehnjährige Elyjas über seinen Vater erfährt. Als er einen seltsamen Runenstein findet, ahnt er nicht, dass er der Wahrheit näher kommen wird. Einer Wahrheit, die sein Leben für immer verändert. Hineingeworfen in eine Welt voller Magie und Mystik, in der das Licht schwindet, begibt sich Elyjas auf eine gefährliche Suche. An seiner Seite stehen der Waise Andrûs und der Erzmagier Albwin. Gemeinsam mit weiteren Gefährten erleben sie waghalsige Abenteuer und müssen immer wieder gegen innere Zweifel und Ängste ankämpfen, während Licht und Schatten jedes Einzelnen verwischen. Wird es ihnen gelingen, die Seelenflamme neu zu entfachen? Das Schicksal Shaendâras liegt im Glauben der Freunde an sich selbst. Der Auftakt zu einer magischen Reise...

Schlagworte zum Buch: Magie,Fantasy,Abenteuer,Seelen,Freundschaft

Aufrufe 187 | Genre Fantasy | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 14+

Taschenbuch

( 978-3-7412-6670-6 )

Kindle Edition

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Er stand oben auf einem Berggipfel und sah auf die trockene Ebene, die vor ihm lag. Unterhalb des Felsvorsprunges erhoben sich die Mauern einer Stadt, auf drei Felsstufen erbaut, mit vier kantigen Türmen, auf denen Soldaten in silberglänzenden Rüstungen patrouillierten. Auf ihrem Brustharnisch trugen sie das gleiche Wappen, deren Abbild die schweren, eisernen Tore zierte, durch die man von Süden her Einlass in die Stadt erhielt. Es war ein langschwänziger, roter Drache, Feuer speiend und mit langen Klauen.
Dieser Ort kam ihm vertraut vor. Wie konnte das sein?
In nördlicher Richtung erspähte er am Giebel eines zentralen Gebäudes eine in goldenen Lettern eingravierte Inschrift: Àit Nan Sìdh.
Kendorras, durchfuhr es ihn. Er stutzte. Woher kannte er den Namen der Stadt, und wieso glaubte er, schon hier gewesen zu sein?
Plötzlich ertönten überall Alarmglocken. Er schaute sich um. Dann sah er sie von Osten heranmarschieren. Es waren Hunderte, die den Horizont verdunkelten, grässliche schwarze Kreaturen, ihre Körper von filzigem Fell überzogen. In ihren wulstigen Händen hielten sie Äxte und Schwerter, die sie bedrohlich in die Luft reckten. Die von dicken, eitrigen Geschwüren entstellten Gesichter waren zu grausigen Fratzen verzerrt, was ihre langen, scharfen Reißzähne entblößte. Markerschütternd dröhnte ihr Schlachtruf.
Eiskalt jagte es ihm über den Rücken. Er wollte wegrennen, doch seine Füße bewegten sich nicht. Bitte lass es aufhören, flehte er stumm. Doch es half nichts. Er wusste, was geschehen würde, wusste, dass es für die Bewohner der Stadt kein Entkommen gab. Zitternd stand er da, während die vor Mordlust rasenden Kreaturen die Mauern erreichten und in die Stadt eindrangen. Jeder kleinmütige Versuch der Wachen, den Feind zurückzudrängen, blieb erfolglos. Binnen Sekunden brannte die unterste Ebene lichterloh, und schwere dunkle Rauchschwaden hingen in der Luft, die ihm die Sicht auf das Geschehen versperrten. Er musste es nicht sehen, er hörte es. Verzweifelte Schreie drangen in seine Ohren und er presste die Hände darauf.
»Kendorras a’zuc, hahaha …«, durchströmte ihn ein grausames Lachen, kalt und gefühllos. Dann war alles still. Erneut spähte er zu der goldenen Inschrift: Àit Nan Sìdh.
Stadt des Friedens, dachte er und begann zu weinen.

...
Als seine Finger den Stein berührten, überkam ihn sogleich ein eigenartig vertrautes Gefühl. Es war, als hätte er etwas wiederentdeckt, das ihm bisher gefehlt hatte, ohne zu wissen, dass er es überhaupt vermisste.
Elyjansu fh’jel uruz … A’Kenaz …, klang es in seinem Kopf. Die Stimme klang anders als sonst. Es lag nichts Furchteinflößendes in ihr, vielmehr wirkte sie ängstlich, flehend.
»Wer bist du?«, flüsterte Elyjas.
Keine Antwort. Er versuchte es noch mal. »Was willst du von mir?«
Wieder nichts.
Auf einmal blendete ihn ein grelles Licht. Er blinzelte und sah durch das Fenster in die Richtung, aus der es zu kommen schien. Dort lag der Slieyett-See, der sich über mehrere Kilometer nach Norden erstreckte. An der Oberfläche spiegelten sich die Sonnenstrahlen und ließen ihn glitzern.
Elyjas wollte sich schon abwenden, als er nahe dem Südufer, das ihr Grundstück begrenzte, ein grünes Funkeln im Wasser erspähte.
Er beschloss, den wüsten Zustand seines Zimmers vorerst zu ignorieren und nach der Quelle des Lichts zu forschen. Eilig rannte er hinunter und durch die Gartentür hinaus. Doch als er draußen ankam, war das Funkeln verschwunden. Er schirmte die Augen mit der Hand gegen die Sonne ab und schaute suchend über den See, von links nach rechts und wieder zurück. Nichts. Enttäuscht setzte er sich ins hohe Gras, das sich vom nächtlichen Regen noch feucht anfühlte, aber das störte ihn nicht. Obwohl es erst Mitte Februar und früh am Morgen war, empfand Elyjas die Luft als mild. Der Himmel strahlte blau, von einzelnen weißen Wölkchen durchzogen.
Minutenlang saß Elyjas am Ufer und grübelte, was das Funkeln ausgelöst haben könnte, doch er fand keine Antwort. Da es nicht wieder auftauchte, schweiften seine Gedanken allmählich ab.
... Noch während er nachsann, begann der See direkt vor ihm zu sprudeln. Mit offenem Mund starrte er auf das hellgrüne Leuchten, das aus der Tiefe emporstieg, indes er auf Knien ans Ufer rutschte. Der Anhänger an seinem Hals wog nun so schwer wie ein Felsbrocken. Im Bruchteil einer Sekunde zog es Elyjas nach vorne, und er fiel schreiend ins Wasser. »Aaahh!«
Elyjas strampelte und versuchte, ans Ufer zurückzugelangen, schaffte es jedoch nicht. Die kalten Wogen schlugen über ihm zusammen und hielten ihn gefangen. Er sank immer tiefer und tiefer, wurde hineingezogen in das gleißende Licht, bis es ihn verschluckte. Für einen Moment war der See um ihn herum verschwunden, und er schwebte, sein Körper durchdrungen von strahlendem Glanz. Das Licht schmerzte in seinen Augen. Dann verlor Elyjas das Bewusstsein, und völlige Dunkelheit umgab seinen Geist.

Taschenbuch

( 978-3-7412-6670-6 )

Kindle Edition

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