Die Lügendepeschen

Dresden im Jahr 1732: Eine Mätresse des Kurfürsten August des Starken wird ermordet. Der junge Staatsbeamte Justus von Stein wird mit der Untersuchung des Falls beauftragt und wird unversehens selbst zum Opfer einer gefährlichen Intrige. Doch dann begegnet er jemandem, mit dem weder er noch seine Gegner gerechnet hätten ... Spannender Historienkrimi, der zur Zeit des Barock unter anderem in Sachsen (Dresden und Umgebung) und Franken (Ansbach) spielt.

Schlagworte zum Buch: Krimi,Historischer,Roman,Barock,Rokoko,Intrige

Aufrufe 128 | Genre Historischer Roman | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 15+

Taschenbuch

( 978-1494252564 )

Es roch nach Moschus. Ein betörender, einlullender und zugleich wilder Duft, der das Blut leicht in Wallung bringt. Ein verführerisches Lächeln umspielte die üppigen halboffenen Lippen der Comtesse Annabelle zu Langenberg. Es war zweifellos ihr letztes, denn in ihrem Brustkorb steckte ein langes gebogenes Messer, das ihr adliges Herz durchstoßen hatte. Dunkelrotes Blut tropfte auf die blütenweißen Bettlaken und durchnässte das zerrissene Nachtgewand der jungen Edelfrau.
Der Wind fuhr durch einen offenen Fensterflügel hinein und blähte die Vorhänge auf. Das anschwellende Rauschen der Bäume erfüllte die Luft wie ein bedrohliches Flüstern. Der Vollmond schien in den Raum und warf groteske Schatten an die Wand, die die Szenerie abstrakt und düster erscheinen ließen. Sie bewegten sich wie knochige Finger, die nach etwas tasteten das sie nie zu fassen bekommen würden. Eine dunkle Gestalt betrachtete erleichtert ihr Werk und entfernte sich auf Zehenspitzen aus dem Raum.
Die dunklen Seitengassen neben dem kurfürstlichen Schloss wurden nur von einigen schwach flackernden Laternen erleuchtet, in deren Schein die polierten Goldknöpfe eines nächtlichen Spaziergängers schwach schimmerten.
Ignaćy Kalewsky bemühte sich, langsam zu laufen, denn jeder Schritt hallte unheimlich durch die stille Nacht. In der Ferne war das Plätschern der Elbe zu hören, doch sonst war es für eine so große Stadt wie Dresden beinahe bedrückend still. Kein Hund bellte, keine Wachmannschaften drehten ihre Runden, kein Betrunkener fiel aus irgendeiner Wirtshaustür und wankte nach Hause.
Ehrfürchtig blickte Kalewsky an den Mauern des Schlosses auf, der sächsischen Residenz seines Herrn. Friedrich August II. war nicht nur Kurfürst von Sachsen sondern darüber hinaus auch Großherzog von Litauen und König von Kalewskys Heimat Polen. Ein beeindruckender Mann, der nicht zuletzt auch seiner gewaltigen Körperfülle den Beinamen der Starke verdankte.
Kalewsky hatte im Großen Nordischen Krieg einst auf polnischer Seite gegen August gekämpft, war aber übergelaufen, nachdem der Sachsenkönig Polen einige Jahre später wieder zurückgewann. Man musste sehen, wo man blieb. Polen war außerdem nicht ärmer geworden, seit der Krieg überwunden war. Gegen die Herrschaft des mittlerweile offiziell katholischen Monarchen hatte er nichts mehr einzuwenden und war diesem seither ein treuer Untertan; tätig in Angelegenheiten des Staates.
Die Botschaft, die Kalewsky von dem sehr kranken und bereits beinahe bewegungsunfähigen Herrscher aus der polnischen Regierungsstadt Warschau nach Sachsen bringen sollte, knisterte unter seinem Mantel. Morgen würde er sie persönlich überreichen und der Dinge harren, die da kommen mochten. Selbstverständlich hatte er es sich in seiner Botenpflicht nicht zu erdreisten gewagt, das Siegel zu erbrechen und das Papier vor dem eigentlichen Empfänger zu lesen – auf derlei stand die Todesstrafe. Interessiert hätte es ihn natürlich, aber sein Leben war ihm teuer.
Eines Tages, wenn seine Pflicht getan war, würde er als Staatsbediensteter der polnischen Regierung eine hübsche Rente kassieren und sich davon ein kleines Gut kaufen, weit entfernt von aller Geschäftigkeit, vielleicht am Meer, zwischen Dünen und Strandhafer. Dort würde er in aller Stille residieren, Pfeife rauchen und seine Memoiren schreiben. Dann hätte er auch endlich seine eigene Dienerschaft und wäre selbst kein Diener fremder Herren mehr. Die hohe Politik hatte ihm noch nie behagt, daher erleichterte es ihn beinahe, dass er es sich nicht zum Ziel gesetzt hatte, einen hohen Ministerposten oder gar einen Adelstitel zu bekommen. Er würde ein kleines, aber nicht unwichtiges Rad im großen Getriebe bleiben, bis sein Zweck erfüllt war.
Nachdenklich bog er um eine Hausecke und war noch ganz in seine Zukunftspläne versunken, als ihn ein scharfes Geräusch wieder in die Realität zurückholte. Kalewsky blieb abrupt stehen und horchte angestrengt in die Nacht. Es hatte geklungen, als ob irgendwo weit entfernt Glas oder Metall auf Stein klirrte. Doch nun war alles still.
Der polnische Bote lauschte noch einen Augenblick, schüttelte dann aber den Kopf und wollte eben weiter-gehen, als sein Blick auf die Wand des Schlosses fiel. Ein Fensterflügel stand weit offen. Im Spätsommer war das eher ungewöhnlich, da große Zimmer in steinernen Bauwerken schnell auskühlten und sich normalerweise keiner der herrschaftlichen Bewohner einen Schnupfen holen wollte.
Kalewsky kniff die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen und spähte durch den hohen schmiedeeisernen Zaun. Der Fensterflügel bewegte sich sacht im lauen Abendwind und spiegelte das Mondlicht wieder.
Da sich jedoch sonst nichts weiter rührte schüttelte er nur den Kopf über die vermeintliche Sinnestäuschung und setzte seinen Weg fort. Dabei übersah er jedoch die Gestalt hinter der Straßenecke, die jeden seiner Schritte beobachtete.

Taschenbuch

( 978-1494252564 )