Die Träume, die ich rief

Familienvater Henri wird unvermittelt von sehr real wirkenden Träumen heimgesucht. Vor diesen beängstigenden nächtlichen Erlebnissen findet er selbst am Tage keine Ruhe, wodurch ihm allmählich sein wirkliches Leben aus den Händen gleitet. Die Frau, die Henri wiederholt nachts erscheint, begegnet ihm obendrein wahrhaftig in Gestalt der neuen Arbeitskollegin Irina, und er versucht vergeblich, sich der Faszination der schönen Rothaarigen zu entziehen. Um nicht den Verstand zu verlieren, sieht Henri nur einen Ausweg: Er muss sich Irina bewusst in einem Traum stellen und diesen nach seinen eigenen Vorstellungen lenken ...

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 198 | Genre Thriller | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 12+ | Website zum Buch Link

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( 9783743154032 )

Taschenbuch

( 9783741296161 )

Prolog

Es hat eine Zeit gegeben, da mochte Henri sich danach gesehnt haben, dass seine gewohnte Tristesse bestehend aus Job und Familienleben des Nachts durch phantasievolle Träume zerstreut wird, die ihm seit seiner Kindheit nicht mehr vergönnt waren. Ist es nicht ein wahres Wunder, was unser Verstand uns manches Mal präsentiert? Unglaublich, was der Mensch imstande ist, zu erschaffen! Und das völlig unkontrolliert, unwillkürlich. Unwirklich. Wunderschön.
Seit er denken konnte, zogen für Henri die Nächte stets traumlos vorüber, und als rationaler Mensch machte er sich keinerlei Gedanken darüber, außer seine Kinder wurden mal von einem Albtraum geplagt. Als ihn aber unverhofft ein solches – nennen wir es – Wunder heimsuchte, so plötzlich und unerwartet wie ein Regenschauer im Juli, und ohne jede Vorwarnung, hätte er niemals für möglich gehalten, wie viel Phantasie er wirklich besaß …

Endlose Hitze. Ein Schrei. Gleißendes Licht brennt sich heiß und unaufhaltsam in seine Augen. Zunächst in reinstem Weiß, das sich jedoch allmählich rot färbt, bis er nichts weiter sehen kann, wohin er auch blickt, und wie sehr er sich auch windet. Ohne Vorwarnung durchzuckt ein stechender Schmerz seinen Körper, der sich davon beherrscht unkontrolliert aufbäumt. »Rotes Kryptonit!«, hört Henri sie rufen. Sie? »Rotes Kryptonit!« Wieder und wieder. Was hat das zu bedeuten? Und wer ist sie?
Der Schmerz ist kaum mehr auszuhalten. Sein Kopf droht zu zerspringen, doch es scheint keinen Ausweg zu geben. Jede seiner Bewegungen endet in einer Starre, die er einfach nicht durchbrechen kann. Der unbändige Schmerz ist überall, in seinem Kopf, unter seiner Haut, in jeder Faser seines Körpers. Gerade als Henri glaubt, er würde ihn jede Sekunde umbringen, verliert er jeglichen Halt. Er fällt, fällt immer tiefer, bis dort nichts mehr ist als unendliche Dunkelheit, die ihn in sich aufnimmt und mit ihm sämtliche Gefühle verschluckt.
Stille.


Kapitel 1 – Eine dunkle Vorahnung

Als Henri die Augen aufschlug und erkannte, wie spät es bereits war, sprang er hektisch auf und warf seine Bettdecke achtlos hinter sich.
»Muss das denn sein«, fluchte er leise und griff in seinem Schrank wahllos nach frischer Kleidung. Ein vorwurfsvoller Blick traf den Wecker, der aus einem unerfindlichen Grund seinen Dienst verweigert hatte. Die Decken raschelten hinter Henri, eine strohblonde Strähne trat hervor und dumpfes Raunen war zu hören. Ohne dem Beachtung zu schenken eilte er ins Badezimmer hinüber und schloss die Tür so laut, dass sich unter einer Decke jemand erhob und räusperte. Nach einer flüchtigen Dusche stieg Henri mit tropfnassem Kopf und einem umgelegten Handtuch die Treppe hinab. Sara war inzwischen in die Küche gegangen, in der es nun herrlich nach Kaffee duftete. Sie stand gegen den Kühlschrank gelehnt, pustete die sanften Nebelschwaden über ihrer Tasse hinfort und selbst der Anblick, der sich ihr nun bot, konnte wohl nicht wettmachen, wie unsanft sie geweckt worden war. »Kannst du mir mal verraten, was du für eine Hektik an den Tag legst?«, fragte sie schmunzelnd und beobachtete Henri, als er seine Kleidung auf einem der Küchenhocker drapierte.
»Hast du mal auf die Uhr gesehen? Ich werde es gerade so pünktlich ins Büro schaffen! Was war denn mit dem dämlichen Wecker los?«
Ihr ohnehin schwaches Lächeln wich einer beleidigten Miene. Der Zauber dieses Morgens war unmittelbar dahin.
»Ich glaube es ja nicht! Du hast das wirklich vergessen?«
»Was vergessen?«
Sara rümpfte die Nase und wandte sich demonstrativ von Henri ab.
»Warte«, murmelte er, als es ihm allmählich dämmerte.
»Kommst du noch drauf, ja?«, sagte sie und begann Pausenbrote für die Kinder zu bereiten. Als sie klappernd nach einem Messer fischte und anschließend die Küchenschublade zuschlug, ging Henri endlich ein Licht auf.
»Ach, Sara«, säuselte er hinter ihr und legte seine noch feuchten Hände zärtlich um ihre Hüfte.
»Natürlich habe ich nicht vergessen, dass wir nach neuen Möbeln für Tobi schauen wollten.«
»Ach, hast du nicht?«
»Bestimmt nicht.« Er grinste hinter ihrem Rücken, wohlwissend, dass sie ihn durchschaut hatte, »Ich wollte heute einfach besonders früh wach sein, das ist alles!«
Ein leichtes Grinsen konnte Sara nun nicht mehr zurückhalten. Mit einer Drehung windete sie sich aus Henris Griff und strich ihm über die Wange, während sie in seine glänzenden blauen Augen blickte.
»Um sieben Uhr? Und was wolltest du machen, bis die Geschäfte öffnen?«
Da ihm darauf keine Antwort einfallen wollte, gab er Sara einfach einen Kuss. Dann kam ihm eine in den Sinn.
»Wollen wir nochmal nach oben gehen?«
»Nicht nötig. Ich bin jetzt wach! Dein Gepolter hätte ja Tote aufgeweckt! Spinner.«
Sie strubbelte ihm durch die nassen Haare und winzige Wassertropfen brachten ihre Augen zum blinzeln. Beide lachten leise, und noch bevor Henri eine weitere Andeutung machen konnte, die etwas mit dem Schlafzimmer zu tun gehabt hätte, waren Geräusche von kleinen Füßen auf der Treppe zu hören.

(c)2016 Daniel Möller

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