Die vier Riesen und die Göttin des Windes - Band 1: Der Drache im Eis

Vor zehntausend Jahren wollen die Götter die Eiszeit beenden. Vorher muss aber erst Otare, ein Drache im Eis, getötet werden. Die 16jährige Eunyau verfügt über übersinnlichen Fähigkeiten, mit denen sie die Winde und Meeresströmungen beherrschen kann. Deshalb wird sie dazu ausersehen, den Drachen zu töten. Doch dann verliebt sie sich in ihn ...

Schlagworte zum Buch: Eiszeit,Drachen,Wind,Haie,Schamane,Meer

Aufrufe 187 | Genre Fantasy | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 12+ | Website zum Buch Link

Kindle Edition

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Taschenbuch

( 978-3741877995 )

In der Ferne erhob sich das Sonnensprunggebirge, das so genannt wurde, weil die Sonne an den meisten Abenden hinter einem steilen, lang gestreckten Felsen unterging – es also so aussah, als würde sie von einem kantigen Gipfel ins Meer springen. Je nachdem, wo sie sich gerade befand auf ihrem Jahresumlauf.

An diesem klaren Abend jedoch versank die Sonne gleichsam durch die Zahnlücke – ein tief eingeschnittenes Tal zwischen den Höhenzügen, das entfernt an eine Lücke zwischen zwei Backenzähnen erinnerte.
Eine Bö wehte aus Richtung Sonnenuntergang, dann wechselte der Wind die Richtung und wurde spürbar stärker.

So könnte er bald wieder Wolken bringen, dachte sich Tandi, der Schamane. Mit einigen anderen Menschen stand er am Abhang unterhalb der Höhle, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Diese Höhle wurde „Höhle des Blauhaies“ genannt, nach dem Totemtier des Stammes der Feyaren.
Deren Eingang befand sich oberhalb von ihnen. Bewachsen war dieser Abhang fast nur mit Gras. Erst oberhalb der Höhle wuchsen Fichten, deren Stämme stark gebogen waren vom Wind, der fast beständig aus Richtung Sonnenaufgang wehte.
Jetzt riefen die Schreie der Frau, die jeden Moment ihr Kind gebären konnte, den Schamanen in die Höhle zurück. Auch die übrigen Menschen, die draußen verstreut herum standen, liefen vor dem herannahenden Sturm alle nach und nach heim, also zwanzig bis vierzig Schritt den Abhang hoch, in diese Höhle. Deren Öffnung lag eher windgeschützt, zeigte in eine Richtung zwischen Kälte und Sonnenaufgang.

Der Schneesturm tobte durch die Nacht und ließ die Felle am Eingang zu der Höhle vor und zurück schwingen. Die Wellen des Meeres peitschten gegen die Klippen.
Dabei fiel das Geschrei des neugeborenen Mädchens gar nicht mehr auf. Dessen Nabelschnur wurde durchtrennt, und dabei hielt Tandi, der Schamane, seinen Stab, der mit Zeichnungen von Haifischen verziert war, über den Unterleib der Mutter, um sie und das Kind vor den Geistern zu schützen. Seine Augen und sein Bart lugten aus seinem Kapuzenumhang hervor, welcher mit Fischschuppen bedeckt war. Der Vater des Mädchens hielt seinen zwei Jahre alten Sohn im Arm, der neugierig auf das Geschehen sah.
Nach der Entbindung nahm der Schamane das Mädchen, um es ins Innere der Höhle zu tragen, wo er es den Schutzgeistern und Schutzgöttern des Stammes vorstellen und ihm einen Namen geben wollte. Dabei durfte ihn nur ein Fackelträger begleiten.
Der Gang schlängelte sich durch die Unterwelt, wurde bald eng und niedrig und öffnete sich schließlich in einen großen Raum. Der Fackelträger stellte eine seiner Fackeln in ein Loch und zog sich wieder in das Dunkel des Ganges zurück. Er lauschte den Worten des Schamanen, konnte ihn aber nicht mehr sehen. Still wartete er darauf, wieder gerufen zu werden.
An die Wände des Raumes waren Bilder von Tieren gemalt, teilweise schon Generationen alt.
Einige von ihnen sollten aber einmal wieder erneuert werden, dachte sich der Schamane, etwa das Nashorn oder der Stier! Diese Tiere hatten sie in letzter Zeit auch seltener gejagt.
Immer noch in satter, blauer Farbe hervorgehoben war ein Hai. Ein Mensch musste auf einen Stein steigen, um dessen Zeichnung vor sich sehen zu können. Diese Abbildung war die größte von allen in diesem Raum, so lang wie zwei Menschen. Sie symbolisierte das Totem des Stammes, dessen Schutzgeist: den Blauhai.
Zu diesem Haibild betete Tandi:
„Du Tier von Hament, der Großen Mutter des Wassers, der Du unseren Stamm beschützt! Wir bitten Dich, dieses Kind in Deinen Schutz aufzunehmen, dass es gesund bleibe und keine krummen Beine bekomme!
Wie soll es heißen?“
Der Sturm heulte auf – da wusste Tandi den Namen des Mädchens: EUNYAU – klang irgendwie windig!

Soweit war es die übliche Zeremonie, die der Schamane schon unzählige Male praktiziert hatte. Doch diesmal geschah etwas völlig Unerwartetes:
In der Mitte des Raumes befand sich ein Loch, in das noch nie jemand gestiegen war. Tief unten musste sich aber Wasser befinden.
Diesmal also stieg aus dem Loch ein Riese, ungefähr doppelt so groß wie Tandi. Er war in einen dunkelblauen Umhang gekleidet und trug einen schwarzweißen Vollbart, auch seine Haare waren ein Mischmasch aus Schwarz und Weiß. Seine Augen leuchteten in einem hellen Blau.
„Yasmano?“, fragte Tandi und starrte zu dem Riesen empor, der über dem Loch zu schweben schien. Yasmano war der Riese des Winters, der zu dieser Jahreszeit, zusammen mit anderen Gottheiten, über die Welt der Lebenden herrschte, während die Riesen der drei anderen Jahreszeiten die Welt der Toten behüteten.
„Ja, der bin ich!“, erwiderte Yasmano. „Es ist schon lange her, seit ich zum letzten Mal einem Menschen erschienen bin. Diesmal jedoch sehe ich, dass ein Kind geboren worden ist, das es einmal mit Otare, dem Drachen im Eis, aufnehmen kann!“
„Was meinst Du?“
„Das wird sich noch herausstellen!“
Tandi sah auf das Kind, blickte dann wieder hoch und fragte weiter:
„Und wann wird das sein?“
„Wir warten, bis sie erwachsen ist!“ ...

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