Gabriel, der Vampir

Als der 17-jährige Gabriel nach Slough in der Nähe von London zieht, ist er voller Vorfreude. Denn nachdem seine Familie jahrelang mit ihrem Wanderzirkus von Kleinstadt zu Kleinstadt gezogen ist, möchte sie den Zirkus verkaufen und sesshaft werden. Gabriel freut sich auf sein neues Zuhause und ist fest entschlossen, endlich Freunde zu finden. Nach einer verstörenden Begegnung mit einer Katze und einer Fledermaus trifft er bei einem Streifzug durch die Gegend eine Gruppe Jugendlicher. Vor allem das Mädchen Stella fasziniert ihn sehr. Doch um in ihre Clique aufgenommen zu werden, muss er zuerst eine gefährliche Mutprobe bestehen … „Gabriel, der Vampir“ ist eine fesselnde Urban-Fantasy-Story und die dramatische Vorgeschichte von „Rachel, die Vampirhexe: Tochter der Nacht“.

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 63 | Genre Fantasy | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 0+ | Website zum Buch Link

E-Book

( )


Kapitel 1

Heute war einer dieser Tage, die Gabriel über alles hasste. Schon wieder zogen sie in eine andere Stadt. Gerade jetzt, wo er sich an Manchester gewöhnt und erste Freundschaften geschlossen hatte, war wieder alles vorbei und er musste weg. Das war so ätzend! So einsam und manchmal traurig, er wollte so nicht weiterleben. Der kleine Wanderzirkus, der sich seit Generationen im Familienbesitz befand, ging ihm mehr und mehr auf den Senkel. Als er klein gewesen war, während seiner ersten Schuljahre, waren sie auch mal längere Zeit an einem Ort geblieben, damit er in der Schule mitkam, doch seit ungefähr zwei Jahren zogen sie in immer schnellerem Rhythmus um. Er konnte einfach nicht richtig Fuß fassen. Nirgends!
Wütend schlug er mit der Faust auf die Matratze. „Das ist alles ein Scheißmist! Aber jetzt ist es ja hoffentlich bald vorbei!“
Er hatte sich ein paar Minuten aufs Bett gelegt, um Abschied von diesem Zimmer, von dieser Stadt und diesem Teil seines Lebens zu nehmen. Und um seine Lage weiter zu betrauern und sich in Selbstmitleid zu baden, das brauchte er manchmal einfach. Das Zimmer hatte ihm gefallen mit dem schönen Ausblick über den Platt Fields Park von Manchester. Frühmorgens weckten ihn die Vögel, abends konnte er verliebte Pärchen beim Knutschen beobachten, aber auch eine tanzende Mädchengruppe in leichter Sportkleidung hatte es ihm angetan. Vieles würde er vermissen. Jetzt kam wieder eine neue Umgebung.
Nie bekam er Zeit, sich einzugewöhnen, Freunde zu finden, sich in der Schule einzuleben. Na, Schule war zwar vorbei, aber er konnte keine Ausbildung machen, weil sie ständig auf Achse waren – und weil sein Vater wollte, dass er in seine Fußstapfen trat. Dabei würde er genau das mit Sicherheit nicht tun. Der ständige Streit um dieses Thema nervte ihn auch tierisch. Es sind mein Leben und meine Zukunft, DAD!
Zu allem Überfluss hatte er mit seinen siebzehn Jahren noch nie für längere Zeit eine richtige Freundin gehabt. Was nicht hieß, dass er keinen attraktiven Eindruck beim weiblichen Geschlecht hinterlassen würde, aber er bekam keine Gelegenheit dazu. Seine blauen Augen, das dunkle Haar, sein markantes Gesicht und die alabasterfarbene Haut ließen Mädchenherzen höherschlagen. Ein paar Dates hatte es schon in seinem Leben gegeben, doch zu mehr als Küssen war es nie gekommen, da er keine Beziehung mit einem Mädchen eingehen wollte, das er sowieso in ein paar Wochen oder Monaten wieder verlassen musste.
Die Umzüge fand er einfach nur zum Kotzen. Er konnte sich an die Anzahl der Wohnungswechsel schon gar nicht mehr erinnern. Waren es zehn oder fünfzehn gewesen? Oder mehr? Er wusste es nicht. Diesmal würde ihre neue Heimstatt in Slough in der Nähe von London liegen. Hoffentlich würde er dort wenigstens nicht vor Langeweile umkommen, wie es in der Vergangenheit öfter der Fall gewesen war. Wenn er da an Swansea dachte, das verschlafene Städtchen in Wales, das war die pure Einöde gewesen. Nicht verschlafen, sondern schlafend oder schlafwandelnd waren ihm die Bewohner vorgekommen. Schlafwandelnde Zombies. Pepe, der Clown, in Wahrheit war es sein kostümierter Vater, war beinahe verzweifelt, weil er die verknöcherten Leute nicht zum Lachen hatte bringen können. Gabriel schüttelte sich beim Gedanken an diesen Ort. Aber viele hatten ihren Zirkus sowieso nicht betreten. Die Familientradition stand mangels Besucher unter keinem guten Stern. Es gab sogar Tage, an denen das Zirkuszelt gähnend leer stand, was wiederum hieß, dass sie keine Einnahmen hatten. Die Existenznot schwebte wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen, sodass ihnen nichts anderes übrig blieb, als ihren Wanderzirkus zu verkaufen, was Gabriel allerdings sehr befürwortete. Und in London hatten sie tatsächlich einen Interessenten ausgemacht. Hoffentlich würde der Verkauf klappen. Gabriel wollte endlich ein ganz normales Leben führen, ein festes Zuhause haben, ein Mädchen kennenlernen, sich verlieben. Und er wollte endlich glücklich sein.
Der junge Mann erhob sich vom Bett, verstaute seine Spielkonsole in einem Umzugskarton, schloss diesen und klebte ihn sicherheitshalber mit einem Packbandabroller zu. Die anderen Sachen aus seinem Zimmer, wie Laptop, Abfalleimer, Wecker und Stiftebox, hatte er zuvor schon eingepackt. Durch die vielen Umzüge war er daran gewöhnt, sein Zimmer spärlich einzurichten. So musste er beim nächsten Wechsel nicht viel schleppen.
Als er mit dem Zukleben des letzten Kartons fertig war, schlenderte er wieder zu seinem Bett und warf sich erneut rücklings auf die Matratze, die schon bessere Tage gesehen hatte. Seine Hände hinter dem Kopf verschränkt, blickte er gedankenversunken zur Decke. Was erwartete ihn in Slough? Würde er endlich seine große Liebe, die Freundin und Frau fürs Leben finden? Und würde es wirklich zu einem Verkaufsabschluss kommen? Wie auch immer, er schwor sich, keinen weiteren Umzug mehr mitzumachen, um der Liebe endlich eine Chance zu geben.

E-Book

( )