Gestohlene Zukunft

Täglich gibt es in Deutschland etwa vierzig bekannte Fälle von Kindesmissbrauch. Die Dunkelziffer ist jedoch höher, denn viele Opfer und ihre Angehörigen schweigen, aus Scham, aus Angst. Heilt die Zeit diese Wunden? Kann der Mensch erlittenes Leid vergessen? Tina muss sehr bitter erfahren, was es bedeutet, wenn Gespenster der Vergangenheit lebendig werden. Wohlbehütet aufgewachsen begegnen ihr plötzlich Grausamkeiten, die sie sich nie hätte vorstellen können. Die Gräueltaten eines Sexualtäters, verknüpfen sich unaufhaltsam mit dem Schicksal ihrer Familie. Eine Story, die nicht loslässt. Sie nimmt den Leser mit in eine Welt, die direkt neben uns existiert. Eine Welt, mit der viele Menschen selbst Erfahrungen sammeln mussten und es aus unterschiedlichsten Gründen totschweigen. Der Autor möchte mit seiner Geschichte nachdenklich machen und zu Diskussionen anregen. Gibt es hier nur Schwarz und Weiß, nur Gut und Böse? Eine Geschichte, frei erfunden, doch grausam nah an der Realität.

Schlagworte zum Buch: Kindermord,Kindesmissbrauch,Serienmörder,Familientragödie

Aufrufe 147 | Genre Krimi | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+ | Website zum Buch Link

Taschenbuch

( 978-3741275203 )

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Gestohlene Zukunft

Fundort Essener Stadtwald
»Was habe ich dem Tag getan, dass er mich schon so früh bestraft?«, sagte Wilms mit Blick auf das vor ihm auftauchende Chaos. Eigentlich sollte dies ein ruhiger Tag werden, da ihm die beiden letzten Einsätze einen Berg an Überstunden beschert hatten. Allerdings dachte man bei einem Tatort wie diesem nicht über das eigene Wohlbefinden nach. Kindermord ist das Letzte und das Verwerflichste für einen Polizisten.
Einsatzfahrzeuge der Polizei blockierten einen Fahrstreifen Richtung Rellinghausen, der Verkehr bewegte sich im Schneckentempo auf der Frankenstraße. Auch der Dienstwagen des Hauptkommissars fand hier kein Durchkommen. Wilms trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad, schlug dann ein und nahm die Abkürzungen durch die angelegten Randbeete. Das Grünflächenamt wird fluchen, dachte sich Wilms.
Schaulustige bildeten mittlerweile Rudel, ihre Hälse reckten sie in Richtung Wald. Uniformierte Polizisten drängten allzu Neugierige zurück, die nicht einsehen wollten, warum ihnen der Zugang verwehrt wurde. Schließlich war das ihr Wald, der Ort, an dem der sonntägliche Spaziergang stattfinden sollte.
Walter Höfner, der Leiter der Schutzpolizei, führte Wilms zum Tatort. Die wartenden Journalisten überfielen ihn vor der Absperrung sofort mit Fragen. Verärgert schob er sie zur Seite, ohne darauf zu antworten. »Fürchterliche Schmeißfliegen, diese Zeitungsleute. Das macht mich immer wieder aggressiv«, bemerkte er gegenüber dem Kollegen, als sie außer Hörweite waren.
»Wer hat den Jungen gefunden?«
»Ein Passant und sein Enkel. Die beiden stehen dort drüben. Sie gehen hier jeden Sonntag spazieren. Der Junge fand den Müllsack, der etwas versteckt hinter dem Distelstrauch dort hinten lag, beim Spielen. Herrn Schnell, so heißt der Mann, kam das nicht ganz geheuer vor, also benachrichtigte er mit dem Handy die Polizei. Er meinte, der Geruch war schon sehr penetrant«, antwortete der Einsatzleiter.
»Danke. Wo steckt denn wieder dieser Trokut?«
Wilms sah sich nach seinem Assistenten um.
»Ach, Sven, nehmen Sie bitte die Aussage von Herrn Schnell auf. Der hat das Opfer gefunden, besser gesagt, sein Enkel. Aber nehmen Sie ein wenig Rücksicht in Ihrer Wortwahl. Ich meine nur, wegen des Jungen.«
»Was haben Sie immer mit meiner Wortwahl, Chef? Ich beherrsche die deutsche Sprache schon recht lange und kann mich gut verständlich machen«, erwiderte Trokut.
»Das glaube ich Ihnen ja. Doch der Junge muss nicht jede Einzelheit erfahren, das ist noch ein Kind. Verstehen Sie? Ich spreche derweil mit der Spurensuche.«
Ein Gebiet in der Größe eines Fußballfeldes war mit Absperrband gesichert. Ermittler in weißen Schutzanzügen, die Aliens glichen, bewegten sich um einen zentralen Punkt, immer darauf bedacht, keine Spuren zu zertreten. Sie sicherten jeden noch so bedeutungslos erscheinenden Gegenstand in diesem Bereich. Selbst Zigarettenkippen wurden mit Pinzetten aufgehoben und verschwanden in Plastikbeuteln.
Die Szene hatte etwas Unwirkliches. Dichter Laubwald, der lediglich einzelnen Strahlen der Sonne gestattete, den Boden zu erhellen. Dieser Wald durfte seine Natürlichkeit behalten, indem das Unterholz nicht ausgelichtet wurde. Herabgefallene Äste blieben, wo sie die Natur platziert hatte, lediglich der Müll der Besucher wurde regelmäßig entfernt.
Wilms mochte die Spaziergänge durch den Stadtwald. Schon als Kind hatte er immer diesen Weg genommen, wenn er mit Freunden zum Schwimmen an den Baldeneysee wollte. Selbst heute, mit achtundvierzig, wo sein gelichtetes Haupthaar die ersten grauen Strähnen zeigte, nahm er sich immer mal wieder Zeit, um hier abzuschalten.
Wilms zog die Schultern hoch und dachte in diesem Augenblick an Joel, seinen neunjährigen Sohn, den er vor zwei Stunden von der Schule abgeholt und zu Claudia, seiner Exfrau, gebracht hatte. Was wäre, wenn dort sein Kind gelegen hätte? Allein die Vorstellung ließ ihn die Fäuste ballen.
Claudia hatte sich nie richtig mit seinem Beruf abfinden können und sie hatten sich mit den Jahren auseinander gelebt. Der Job hatte nicht nur seine Ehe zerstört, sondern ihm auch diverse Sorgenfalten verpasst. Humor und Lockerheit waren ihm mit den Jahren abhanden gekommen. Das war wohl das Los eines jeden Kriminalbeamten.
Dass er sich gerade die frisch polierten Schuhe verdreckte, war Wilms völlig egal, als er sich dem Tatort näherte. Auch er stülpte sich vor dem Betreten der Sperrzone Plastikschoner über die Schuhe.
»Hi, Hermann. Was hast du für mich?« Wilms konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Gerade musste er sich wieder daran erinnern: Er hatte sich bei ihrer ersten Begegnung vor etwa fünfundzwanzig Jahren darüber amüsiert, dass ausgerechnet ein Rechtsmediziner Dr. Todt hieß.
Dieser erhob sich ächzend aus der knienden Position und sah Wilms an. Nur sein Gesicht war nicht von Schutzfolie verdeckt.

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( 978-3741275203 )

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