Glücksfaserrisse

Nach langen Umwegen haben Corinna und Sandie ihr Glück gefunden. Doch plötzlich wird es bedroht. Sandie, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, wird das Ziel perfider Anschläge, doch er kann seinen Feind nicht lokalisieren. Immer öfter vertraut er sich in dieser Situation einer neuen Kollegin an, während Corinna einen attraktiven Mann kennenlernt, der eindeutiges Interesse an ihr signalisiert. Unterdessen verliebt sich ihr Sohn Gerry mitten im Abiturstress in eine Mitschülerin. Die Beziehung erweist sich jedoch als ungeahnt problematisch. Große Sorgen macht er sich zudem um einen Freund, der seit einem einschneidenden Erlebnis keinen Sinn mehr im Leben sieht. Als Gerry die komplette Tragweite seiner Geschichte erfasst, ahnt er, dass Hilfe für ihn zu einem Wettlauf gegen die Zeit wird. Und dann taucht auch noch Corinnas Ex-Ehemann wieder auf ...

Schlagworte zum Buch: Querschnittlähmung,Behinderung,Familie,Drogen,Mobbing,Rollstuhl

Aufrufe 59 | Genre Liebesroman | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 0+ | Website zum Buch Link

Kindle Edition

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»Jetzt komm schon in die Hufe, Junge. Das Layout muss heute raus. Wenn du dich nicht beeilst, schaffen wir es nie rechtzeitig zur Feier.«
Sandie sah von seinem Computer auf, um seinem Kollegen Dieter einen kurzen Blick zuzuwerfen. Er hätte den Empfang nach der Arbeit am liebsten geschwänzt. Doch Frau Hahn hatte alle Mitarbeiter persönlich eingeladen und er fand keinen plausiblen Grund, um jetzt noch abzusagen.
»Ich hätte nichts dagegen, wenn ich hier so lange beschäftigt wäre, dass ich das ganze Getue verpasse«, grunzte er unwillig.
»So ein Unsinn«, widersprach Dieter. »Ich habe vorhin gesehen, welche Köstlichkeiten dafür angekarrt wurden. Das gibt ein Festessen, sage ich dir.« Er leckte sich genüsslich über die Lippen.
Sandie grinste. Dieter hatte sich besonders fein gemacht. Er trug eine graue Hose und ein schickes Sakko. Am Morgen war er sogar mit Krawatte erschienen, die er jedoch abgelegt hatte, als Sandie bei seinem Anblick laut herausgeprustet war. Er selbst hatte widerwillig Corinnas Drängen nachgegeben, wenigstens ein weißes Hemd anzuziehen. Die Leinenhose, die sie ihm herausgelegt hatte, hatte er allerdings verschmäht und sich stattdessen für eine schwarze Jeans entschieden. Es waren nun mal seine Lieblingshosen und bei der Arbeit am praktischsten. Er musste schon höllisch auf das weiße Hemd aufpassen. Feixend dachte er an Corinnas Gesichtsausdruck, als sie entdeckt hatte, dass er ein rotes T-Shirt darunter angezogen hatte. Er konnte von Glück sagen, dass sie ihm seine Klamotten nicht um die Ohren geschlagen hatte. Aber sie hatte keine Ruhe gegeben, bis er wenigstens das T-Shirt gegen ein weißes eingetauscht hatte.
Er schob sich von der Tischkante zurück. »Wir haben ja noch fast zwei Stunden Zeit«, beschwichtigte er seinen Kollegen. »Das reicht locker für das Layout. Ich hole mir erst mal einen Kaffee, sonst schlafe ich hier noch ein.«
Sandie machte sich auf den Weg zur Kantine, in der ständig frischer Kaffee für die Mitarbeiter bereitstand. Wie immer umfasste er die Ecksäule vor dem Eingang in den großen Raum mit der Hand und drehte sich mit Schwung um sie herum. Allerdings kam ihm dieses Mal jemand entgegen. Er sah nur einen vagen Schatten, war jedoch geistesgegenwärtig genug, seinen Rollstuhl mit einem schnellen Griff in die Greifräder zu stoppen. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass eine schlanke, ihm unbekannte Frau fast auf seinem Schoß landete. Sie bewahrte in letzter Sekunde ihr Gleichgewicht, doch den Becher Kaffee, den sie in der Hand gehalten hatte, leerte sie dabei über seiner Brust aus. Er zuckte zurück, als der heiße Kaffee ihn traf und sah dann fassungslos auf sein so gehegtes, ehemals weißes Hemd.
»Können Sie nicht aufpassen?«, fuhr er die Frau an, die ihm gegenüberstand, obwohl er genau wusste, dass es seine Schuld gewesen war.
»Entschuldigung«, murmelte sie. Sie hatte eine Hand vor den Mund geschlagen, als wolle sie ihr Entsetzen verbergen, doch die Laute, die Sandie hörte, klangen eher wie ein Kichern. Plötzlich hielt sie es nicht mehr aus, und sie platzte laut heraus.
»Sehr witzig«, knurrte er und drehte sich um.
»Warten Sie, rennen Sie nicht davon.« Die Frau, die nach seiner Meinung etwa in seinem Alter sein musste, lief um ihn herum und stellte sich ihm in den Weg. »Es tut mir leid, dass ich lachen musste«, entschuldigte sie sich. »Aber Ihr Gesichtsausdruck war einfach zu komisch.« Sie wurde ernst. »Sie gehören doch hoffentlich nicht zu der Sorte Mensch, die schnell beleidigt ist, oder?«
Gegen seinen Willen musste Sandie lachen und sein Ärger verflog. Das freundliche, offene Gesicht der Frau war ihm sympathisch. Außerdem gab es nicht viele Leute, die sich trauten, im Zusammenhang mit ihm das Wort rennen zu benutzen. Das allein imponierte ihm schon. »Nicht wirklich«, gab er zu.
»Hervorragend.« Eine schmale Hand streckte sich ihm entgegen. »Ulla Hanke. Ich fange morgen hier offiziell als Sekretärin an.«
»Hanke?«, hakte Sandie nach, als er die gepflegte Hand schüttelte.
»Ja.« Sie lächelte. »Um die Frage vorwegzunehmen, die man mir inzwischen etwa zwanzig Mal gestellt hat, ja, ich bin mit Ihrem Chef verwandt. Er ist mein Schwager.«
»Aha«, sagte Sandie nur, als ihm einfiel, dass er sich ebenfalls vorstellen sollte. »Mein Name ist Alexander Wegener.«
»Ich freue mich, Sie kennenzulernen.« Frau Hanke erwiderte das Lächeln. »Was haben Sie denn jetzt vor?«
»Wie meinen Sie das?«
»Na, in dem Hemd können Sie doch nicht zu Frau Hahns Abschiedsfeier gehen.«
»Ein guter Grund, dem Fest fernzubleiben.«
»Kommt nicht in Frage.« Frau Hanke schüttelte energisch den Kopf. »Kommen Sie mit. Für mich ist ein kleines vorläufiges Büro eingerichtet worden. Ich wasche ihnen die Flecken schnell heraus, dann lassen wir das Hemd auf der Heizung trocknen und wenn ich mich nicht irre, hat Frau Hahn in ihrem unerschöpflichen Bestand sogar ein Bügeleisen.«
»Wundert mich nicht«, murmelte Sandie.
»Eine Chefsekretärin muss auf alles vorbereitet sein. Kommen Sie.«

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