Kalahari - Moment of Truth

„Julian. Die Person auf der Welt, die mich am tiefsten verletzt, am größten enttäuscht und am häufigsten belogen hatte.“ 11 Monate nach der Katastrophe ist um Mer und ihre Freunde der Alltag wieder eingekehrt. Doch die Gespenster der Vergangenheit sind noch lange nicht besiegt. Als Julian gefunden wird, ist Mer gezwungen, sich endlich mit dem Scherbenhaufen ihrer Gefühle zu befassen, der ihr Leben negativ beeinflusst. Wäre das nicht schon schlimm genug, gilt es erneut eine Desaster abzuwenden. Und da ist noch die Wahrheit, die endlich ans Licht kommt… Wird Mer sich ihrem Gefühlschaos stellen oder wird sie endgültig daran zerbrechen? „Moment of Truth“ ist eine Fortsetzung von „Kalahari – Insel des Todes“, die vorher gelesen werden sollte!!

Schlagworte zum Buch: Drama,Lügen,ErsteLiebe

Aufrufe 70 | Genre Drama | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+ | Website zum Buch Link

Leise summte ich die Melodie des Liedes, das auf dem Musikkanal kam, mit, während ich die letzten Kräuter kleinhackte. Das Lied wurde seit Wochen rauf – und runtergespielt und hatte echten Ohrwurmcharakter. Mich würde es nicht wundern, wenn es irgendwann als Sommerlied dieses Jahres gekürt wurde. Als ich die Kräuter zur Soße im Topf hinzufügen wollte, huschte ein Schatten an mir vorbei.
„Shina, nein!“, rügte ich im nächsten Moment die schwarzweiße Maine-Coon-Katze, die von mir zunächst unbemerkt auf die Anrichte gesprungen war. Sie wollte sich am bereits angebratenen Hähnchenfleisch, das halb abgedeckt in einer Schüssel lag, gütig tun. Mein Ausruf verhinderte jedoch nicht, dass sie sich ein Stück Fleisch schnappte und damit aus der Küche jagte.
Ich ging ihr einige Schritte hinterher und rief den Flur hoch: „Elian, füttere endlich mal die Katzen!“
Im gleichen Augenblick, da ich zurück in die Küche wollte, hörte ich das leise Quietschen der Haustüre. In dem Wissen, dass ich die Soße noch einige weitere Momente unbeaufsichtigt lassen konnte, blieb ich im Türrahmen stehen.
Seine Miene war finster, die Augen verhangen. Sie passten nicht zu seinem restlichen, makellosen Erscheinungsbild. Heute hatte er die legere Jeans mit einem weißen T-Shirt kombiniert, unter dem sich seine Tattoos abzeichneten. Das Tattoo an seiner Rippe wurde von dem Schulterholster halb verdeckt, das an seinem Schlüsselbein jedoch nicht. Die Haut leuchtete immer noch schwach rot und zeigte, dass das Tattoo noch nicht allzu alt war.
Neben den beiden Pistolen, die im Schulterholster steckten und, wie ich erkannte, zum Glück bereits gesichert waren, gab nur der kleine Stern, der die Außenseite seines Dienstausweises schmückte, an seinem Gürtel Aufschluss darüber, dass Rain bei der örtlichen Polizei arbeitete. Alles andere charakterisierte ihn nur als einen typischen Mann in seinen 20ern – wäre da nicht diese finstere Miene und die erfahrenen Augen.
„Hey, ich dachte, du kommst erst um 10“, begrüßte ich ihn mit einem Kuss auf die Wange und versuchte zu ignorieren, dass er nicht bester Laune war. Wahrscheinlich war irgendwas auf der Arbeit schiefgelaufen, wie so häufig in letzter Zeit. „Essen ist gleich fertig.“
„Dann komme ich ja genau richtig. Ärger mit Elian?“, fragte Rain, sich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemühend. Was auch immer es war, dass ihn verärgerte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ich es erfuhr. Rain war kein Mann, der lange mit seinen Gefühlen hinter dem Berg hielt.
„Shina war nur mal wieder in der Küche und hat sich was vom Fleisch geholt“, erwiderte ich mit einer abwertenden Bewegung und ging zurück an den Herd. „So sehr ich Tiere mag – wenn Elian weiter hier wohnen will, muss er ihnen endlich Manieren beibringen.“
In dem Straßenzug, in dem Elians Elternhaus lag, wandelte ein Seniorenstift die verlassenen Häuser seit geraumer Zeit in Seniorenresidenzen um. Das Elternhaus von Elian eignete sich hervorragend dazu, ein Teil dieser Stiftung zu werden, denn seine Eltern hatten es früh für Elians gehbehinderte Großmutter umbauen lassen.
Da mein Elternhaus für mich alleine zu groß war, ich mich aber nicht von ihm trennen wollte, hatte ich Elian und Levi angeboten, hier einzuziehen. So hatten wir das letzte Wochenende vor unserem Aufenthalt in Carmos damit verbracht, Elians Elternhaus auszuräumen. Die beiden bewohnten jetzt die rechte Haushälfte, die früher mal eine kleine, eigenständige Wohnung gewesen war; noch gut zu erkennen an der eingezogenen Tür im Flurbereich. Auf der anderen Seite des Hauses wohnte ich mit Rain, der vor einem Monat, nachdem wir zurück aus Carmos gekommen waren, ebenfalls hier eingezogen war.
„Das übliche Chaos also“, bemerkte Rain und setzte sich an den Küchentisch. Im nächsten Moment sprang Mai, die andere Katze von Levi, auf seinen Schoß und fing an zu schnurren. Auch Shina, als hätte sie ihn gehört, kam zurück in die Küche. Dieses Mal lief sie jedoch auf Rain, statt auf das Fleisch, das noch immer halboffen auf der Anrichte stand, zu.
„Ich kann echt nicht verstehen, warum sie dich so mögen“, schüttelte ich den Kopf und wandte mich wieder dem Essen zu. Insgeheim war ich schon ein bisschen neidisch. Ich hatte zwei Wochen gebraucht, bis sich die beiden Katzen von mir hatten streicheln lassen. Rain hatten sie dagegen direkt gemocht.
„Vielleicht, weil ich sie nicht bei jeder Gelegenheit aus der Küche scheuche?“, lächelte Rain und verteilte seine Aufmerksamkeit auf beide Katzen. Sie dankten ihm damit, dass die eine der anderen im Schnurren nichts nachstand.
„Ich mag sie ja und das wissen die beiden auch. Immerhin bin ich die einzige, die ihnen regelmäßig ihr Futter hinstellt“, protestierte ich und gab das Fleisch zur Soße, bevor die Katzen sich es noch anders überlegten. „Nur müssen sie sich angewöhnen, von gewissen Dingen fernzubleiben.“
Als Antwort hörte ich nur das Schnurren der beiden Katzen und das Intro eines neuen Liedes. Ich hatte mich wieder fast vollkommen auf die Melodie ....