Kalahari

Wie würdest du dich entscheiden? Kalahari, um 2100: Die 19-jährige Mer Callahan steht vor wohl einer der schwersten Entscheidungen in ihrem Leben. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als die Stadt zu verlassen und neue Erfahrungen während ihres Studiums zu sammeln. Doch da ist noch Julian. Mer liebt ihn, doch irgendetwas hindert sie daran, Julian ihren Freunden und Verwandten vorzustellen. Für ihn lügt sie deshalb immer wieder und das, wo sie doch Lügen zutiefst verabscheut. Was soll sie aber tun, damit nicht alles auffliegt? Er ist der Grund, warum sie überglücklich und gleichzeitig total verzweifelt ist. Als wären das nicht schon genug Entscheidungen, die sie treffen muss, versinkt ihre Welt plötzlich im Chaos. Plötzlich muss Mer zwischen Leben und Tod, Freund und Feind wählen. Und was ist eigentlich dieses Geheimnis, dem plötzlich jeder nachzujagen scheint?

Schlagworte zum Buch: Gefühlschaos,weibl.Führungsperson,komplizierteBeziehung,schwereEntscheidung

Aufrufe 141 | Genre Jugendbuch | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+ | Website zum Buch Link

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Auch wenn ich wach war, schlug ich nie sofort die Augen auf. Immer horchte ich erst in diesem letzten Augenblick zwischen Schlaf und Wachsein auf. Wie fühlte sich meine Umgebung an? Wie war das Wetter? Wie fühlte ich mich selbst? Die Entscheidungen, die ich in diesem letzten Moment des Halbschlafes traf, stimmten fast immer zu 100 Prozent mit dem überein, was ich den Tag übersah oder fühlte.
Heute tanzte eine leichte Brise über meinen linken Arm, den ich irgendwann aus der Decke befreit hatte und brachte den leichten Geruch von Regen mit. Eines der eher winzigen Fenster stand zumindest auf Kipp. Doch es war kein Prasseln mehr gegen die Scheiben zu hören und es zog auch nicht kalt. Es würde heute schönes Wetter geben, auch wenn der Himmel teilweise verhangen sein würde. Trotz, dass es nach Regen roch - er würde frühestens am Nachmittag niedergehen. Kein Wunder, dass ich das Gefühl hatte, dass heute ein guter Tag war. Das hob direkt meine gute Laune noch ein wenig.
Da ich keine Geräusche links von mir gehört und keine Bewegung gespürt hatte, hatte ich es natürlich geahnt, doch als ich die Augen aufschlug und neben mir ein leeres Bett fand, war ich doch ein bisschen enttäuscht. Statt sich mit mir in die Decke zu kuscheln und einfach die fünf grade sein zu lassen, war Julian bereits aufgestanden. Sanft strich ich mit der Hand über das Laken, das durch die teilweise zurückgeschlagene Decke zum Vorschein gekommen war. Es war kalt; Julian war schon lange weg.
Ich gähnte und strich mir müde die Haare aus meinem Gesicht. Sie hatten sich in der letzten Nacht aus meinem Zopf gelöst, den ich extra fest geflochten hatte, damit sie mich nicht störten. Ich hätte wissen müssen, dass das nicht funktionierte. Eigentlich fand ich meine Haare schon viel zu lang, doch irgendwie brachte ich es nicht über mich, sie abzuschneiden. Julian mochte mein langes, dichtes Haar.
Mein Blick wanderte zum Wecker auf Julians Seite des Betts. Es war erst 6:37 Uhr. Kein Wunder, dass das 1 – Zimmer – Apartment noch in ein Halbdunkel getaucht war, obwohl ein Teil der Vorhänge vor den Fenstern zurückgezogen war. Julian kam nicht von hier, so war dieses billige 1 – Zimmer – Apartment, ca. 16 Kilometer von Kalahari entfernt, eigentlich nur übergangsweise gedacht gewesen. Bis er etwas Besseres fand. Doch jetzt wohnte er schon zwei Jahre hier und machte keine Anstalten, sich eine größere Wohnung zu suchen. Ich mochte das Apartment, weil die verschiedenen Bereiche so abgetrennt waren, dass es dir nicht wie ein Zimmer vorkam. Obwohl ich schon so viele Male hier gewesen war, war dies das erste Mal gewesen, dass ich auch hier übernachtet hatte.
Während ich nach meinem T-Shirt neben dem Bett suchte, überlegte ich, wie oft es wohl vorkam, dass er, als der 1. Assistent seiner Forschungsabteilung, mal eine Nacht daheim sein konnte, wenn alle anderen in seinem Bereich diese durchmachten. Ziemlich selten und ziemlich ungewöhnlich, oder?
Seufzend verfolgte ich den Gedanken nicht mehr weiter, denn ich wusste, dass sonst mein schlechtes Gewissen wiederkam und das konnte ich gerade überhaupt nicht gebrauchen. Ich fand nur das hellblaue Hemd Julians und entschied, dass das auch reichen musste. Es ging ja nur darum, dass ich irgendetwas anhatte, bis ich ins Bad kam. Bei ihm in der Wohnung wollte ich nicht nackt durch die Gegend laufen, zumal gerade dieser Bereich fast nur aus Fenstern bestand. Gestern hatte ich noch Zeit gehabt, meine Wechselkleidung dort zu deponieren, bevor Julian nach Hause gekommen war und mich in Beschlag genommen hatte.
Um zum Bad zu kommen, der einzige, wirklich separate Raum in dieser Wohnung, musste ich an der Kochnische vorbei. Dort saß Julian bereits mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch, die Zeitung in der Hand. War es das leise Klicken der Haustür gewesen, die mich vor wenigen Minuten aus meinem Schlaf geweckt hatte? Ich wusste es nicht.
Julian schaute über den Rand seiner Brille. Was bei mir die langen Haare waren, war bei ihm die Brille. Er wusste, dass ich ihn umwerfend fand, wenn er die Brille trug, die er im normalen Alltag nicht wirklich brauchte. Ein einziges Mal hatte ich ihn so im Labor arbeiten sehen und mich noch mehr in ihn verliebt.
„Morgen“, murmelte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Er war bereits geduscht und rasiert. Wann war Julian aufgestanden?
Julian lächelte mir nur zu und vertiefte sich wieder in die Zeitung. Ohne eine Tasse Kaffee am Morgen war er nicht ansprechbar, deswegen reichte mir sein Lächeln vollkommen. Denn die Tasse, die neben ihm stand, war noch nicht einmal zur Hälfte geleert. So nah neben ihm konnte ich sehen, dass sich auf seinem Hinterkopf langsam die Haare lichteten. Es erinnerte mich daran, wie groß der Altersunterschied zwischen Julian und mir doch war.

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