Kalte Gefühle

Viktoria ist zuverlässig, effizient und verschwiegen. Eiskalt geht sie ihrem Job nach: der Beseitigung von Ungeziefer. Und damit sind nicht nur Kakerlaken oder anderes Kleintier gemeint. Gefühle sind für sie nur körperliche Symptome, die sie normalerweise abschüttelt wie lästige Insekten. Als sie ihren nächsten Auftrag, die Beseitigung eines Drogenbarons in San Francisco, ausführen will, spürt sie, dass sich etwas verändert hat. Bedroht diese Veränderung nun ihr Leben?

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 249 | Genre Thriller | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 14+ | Website zum Buch Link

E-Book

( 978-3-7438-0698-6 )

Taschenbuch

( 978-3745057591 )

Prolog

Die Sonne setzte quälend langsam und unablässig ihre Reise fort, bis keine Fernsehantenne und kein Schornstein mehr auch nur den Hauch eines Schattens spendeten, der sie vor dem Einfall der Sonnenstrahlen schützte. Die Temperatur stieg weiter an und Schweißperlen tropften unentwegt auf die Plastikplane unter ihr. Ihre Hand tastete nach der dritten Wasserflasche und führte sie zum Mund. Auch diese war nun leer. Die paar Tropfen Wasser, die sie in regelmäßigen Abständen zu sich nahm, schwitzte sie sofort wieder aus. Die Funktionswäsche hatte schon vor einigen Stunden ihren Dienst quittiert und seit zwei Stunden hatte sie kaum noch getrunken. Ihre Kehle schrie stumm nach etwas Flüssigem. Etwas, das den plagenden Durst lindern würde.
Diesen Sommer spielte das Wetter verrückt und die Klimaprognose der Experten schien sich zu erfüllen. Die Hitze wurde unerträglich und ließ den dunklen Belag auf dem Dach erweichen, während der Geruch von Teer ihre Nase erfüllte. Ein Hubschrauber war in der Ferne zu hören. Ihr Körper versteifte sich und wurde eins mit dem Dach. Der Helikopter flog nur wenige Meter über sie hinweg. Erst nachdem das flappende Geräusch der Rotorblätter in der Ferne verebbt war, erlaubte sie ihrem Körper wieder ungehindert Luft durch die Lunge fließen zu lassen. Sie begann ruhig und kontrolliert zu atmen.
Aufmerksam lauschte sie, doch außer dem Verkehrslärm auf der Hauptstraße weit unter ihr, drang kein auffälliges Geräusch an ihr Ohr. Man hatte sie nicht entdeckt. Die Tarnung war perfekt. Ihre dunkle Kleidung und die anthrazitfarbene Decke, die sowohl sie, als auch den Lauf des M40 Scharfschützengewehrs, bedeckten, lieferten sich einen erbitterten Kampf, wer zuerst seinen maximalen Hitzegrad erreichen würde. Keine guten Aussichten für ihr Vorhaben. Sie lag bereits länger auf der Lauer, als ihr lieb war. Hatte sie bei ihren Vorbereitungen etwas übersehen? Oder spielte das Glück ihr heute einen Streich? Er war bereits überfällig.
Die Zeit lief gegen sie. Die konstante Erhöhung der Temperatur sorgte dafür, dass ihre Konzentration nachließ. Der erste Schuss durfte sein Ziel nicht verfehlen.
Sie überlegte, ob ihr ein Fehler unterlaufen war. Seit er am Morgen um acht Uhr dreißig die Arbeitsstätte betreten hatte, hatte er das Bürogebäude nicht mehr verlassen. Noch nicht einmal, um sich in seinem Lieblingsrestaurant an der Ecke ein überteuertes Mittagessen zu gönnen, das er
normalerweise mit seinem Stellvertreter gemeinsam aß. Nun war seine Mittagspause bereits seit drei Stunden vorbei.
Erneut schaute sie durch das Zielfernrohr. Die Schweißtropfen rannen von ihrer Stirn und das Salz brannte wie Feuer in ihren Augen. Ohne es verhindern zu können, musste sie blinzeln. Mit einer Hand versuchte sie, die Stirn zu trocknen, doch auch ihr Handschuh war in der Zwischenzeit durchnässt.
Für diesen Job bekam sie eindeutig zu wenig Geld. Sie hätte einen Hitzezuschlag von einhunderttausend Dollar verlangen müssen.
Ihre Hand tastete nach dem Entfernungsmesser. Das Flimmern der Luft vor ihren Augen bot ihr kein klares Ziel. 867 Meter zeigte die digitale Messung. Nicht mehr, nicht weniger. Jeder einzelne Muskel in ihrem Körper schrie nach Entspannung, wollte raus aus dieser Hölle, es endlich hinter sich bringen. Ihr Herz begann zu rasen, während das Blut, wie ein Formel-1-Rennwagen auf Gewinnkurs, durch ihre Adern schoss und vergeblich versuchte, die Körpertemperatur herunterzukühlen.
Die ersten Erschöpfungserscheinungen machten sich bemerkbar. Ihr Herz raste und sie schloss die Augen, um ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. Das Letzte, was sie sich jetzt leisten konnte, war der Verlust ihrer Konzentration. Lange würde sie es nicht mehr aushalten und dann war alles umsonst.
Sie kniff ihr rechtes Auge zusammen und blickte erneut durch das Zielfernrohr. Plötzlich stutzte sie und wischte sich über Stirn und Augen. Blinzelnd beobachtete sie, wie eine Person am Fenster auftauchte. Ein Mann um die fünfzig.
Er stand mit dem Rücken zu ihr. Eine Frau, vermutlich seine Sekretärin, näherte sich ihm und reichte ihm ein Tablett, auf dem sich eine kleine Flasche Wasser und ein Glas befanden. Er nahm beides in die Hände und füllte das Glas. Nachdem er die leere Flasche auf dem langen Konferenztisch vor sich abgestellt hatte, verschwand er aus ihrem Sichtfeld.
»Komm schon. Zeig dich mir«, sprach sie zu sich selbst.
Das Gesicht des Opfers war fest in ihrer Erinnerung verankert. Die wenigen Minuten, in denen sie sich das Foto angesehen hatte, reichten aus, um sich das Aussehen ihrer Zielperson einzuprägen.
Als hätte sie ihm per Gedankenübertragung den Befehl erteilt, tauchte der Mann wieder am Fenster auf. Sie positionierte sich neu und nahm ihn ins
Visier. Sie sah, dass seine Haarpracht am Hinterkopf etwas schütter war, als dieser sich genau im Zentrum des Fadenkreuzes befand.
Nicht der kleinste Lufthauch war zu spüren. Plötzlich drehte er sich um und sah aus dem Fenster.

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