Linhart-Die wahre Schuld

Linhart - Die wahre Schuld ein nachdenklich stimmender, historischer Roman. Eine Geschichte über Menschen, die sich durch Religion zu grauenhaften Taten inspirieren lassen. Linhart, der Held des Romans, ist der Schüler des Inquisitors Bartholomeus. Er reist mit dem bedeutenden Mann viele Jahre lang durch das Land und beobachtet, wie Menschen verurteilt werden - meist zum Tode. Im Laufe der Zeit bemerkt Linhart jedoch, dass sein Meister nicht wirklich die Wahrheit zu suchen scheint. Er stellt die Urteile von Bartholomeus in Frage und zweifelt an den Wegen, die verwendet werden, um die Angeklagten für schuldig zu befinden. Linhart setzt letzten Endes sein eigenes Wohlergehen aufs Spiel, als er gegen die allgemein-herrschende Meinung antritt und die Wahrheit ans Tageslicht bringen will…

Schlagworte zum Buch: Historisch,Hexe,Inquisition,Glaube,Mittelalter,Schuld

Aufrufe 21 | Genre Historischer Roman | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+ | Website zum Buch Link

Auch am heutigen Tage bin ich mir sicher, für die Anwesenden stand Helenas Schuld außer Frage und das Urteil war bereits gesprochen, bevor die Verhandlung begann. Der Ankläger, ein Mann von hohem Stand, würde sich niemals freiwillig zu einer niederen Magd legen, da konnte nur Hexerei im Spiel sein. Trotz der Folter beteuerte Helena tagelang ihre Unschuld. Sie blieb bei ihrer Aussage, dass ihr Herr nie unter Zwang gehandelt habe, dass sie ihm nie einen Anlass gegeben habe, in ihr Zimmer zu kommen. Sie beschwor, nie mit dem Teufel intim gewesen zu sein und beteuerte, nur zu Gott zu beten. Sie sagte aus, dass ihr Herr in ihr Zimmer komme, wann immer es ihm gefiel. Aber mit jedem Wort, mit dem sie ihren Herrn beschuldigte, sich an ihr vergangen zu haben, wurden die Torturen der Folter heftiger. Und als sie am vierten Tag unter entsetzlichen Schmerzen ihre Schuld gestand, war ihr Körper von der Folter furchtbar gezeichnet.
Bis zu Helenas Hinrichtung vergingen weitere sieben Tage. Die Tage verbrachte ich an Bartholomeus’ Seite, die Abende in der mir zugewiesenen Kammer. Ich suchte nach Erkenntnissen, die die Zweifel, die in mir wuchsen, entkräfteten. Ich las in der Bibel von der Nächstenliebe und der Vergebung, aber auch von der Denunzierung des Satans und seiner Anhänger. Mir fielen die Worte meiner Mutter wieder ein, die in jedem nur das Gute gesehen und versucht hatte, auch mich in diesem Glauben zu erziehen. Aber auch die Erinnerungen an die Zeit, in der ich am eigenen Leibe erfahren hatte, dass der Mensch sich selbst der Nächste ist, kamen wieder.
Bis zur Hinrichtung hatte man Helenas Wunden gereinigt und zum Verheilen gebracht, hatte ihr zu essen und zu trinken gegeben, sodass ihr Körper sich erholt hatte. Noch immer haderte ich mit ihrem Schicksal. Denn auch ich bin ein Mann und kenne die Anziehungskraft, die eine Frau wie Helena auf Männer ausübt; wieso sollte es bei einem angesehenen Kaufmann anders sein? In der Nacht vor Helenas Hinrichtung sprach ich gegenüber Bartholomeus meine Zweifel aus. Er ermahnte mich, Obacht zu geben. „Das Böse will durch das Laster der Wollust auch deine Seele und deinen Leib schwächen, um dich auch mit anderen Lastern zu verführen. So will er dich vom rechten Weg abbringen und in die Dunkelheit der Sünde führen“, hatte er mir erklärt.
Er selbst lehrte mich, dass der Teufel nur mit der Zustimmung Gottes zu handeln vermag. An jenem Abend fragte ich ihn, ob es nicht so sei, dass Satan die Macht ĂĽber den Menschen mit Gottes Zustimmung ausĂĽbt. Und wenn Satan mit Gottes Zustimmung handelte, sei es denn nicht an Gott, zu richten?
Die Inquisition handele in Gottes Namen und wir seien es, die seinen Willen auf der Erde vertreten, hatte Bartholomeus unser Handeln verteidigt.
Zu jener Zeit war es, dass ich begann, unser Handeln anzuzweifeln. Ich verstand nicht, dass ein Mensch, der unter dem Willen Satans steht, fĂĽr seine Taten brennen muss, wenn Satan doch mit Gottes Zustimmung handelt.
Für Bartholomeus stand die Gerechtigkeit eines Schuldspruchs außer Frage. Selbst als ich ihn auf die Schmerzen der Folter hinwies, bestand er darauf, im Recht zu sein. Er hielt daran fest, dass Gott es nicht zulassen würde, dass jemand unschuldig verurteilt wird. Wären die Menschen ohne Schuld, könnte ihnen die größte Qual nichts anhaben, war die Aussage, mit der unser Gespräch endete.
Als der Morgen graute, wusste ich, ich konnte Helena nicht vor dem Feuer der Inquisition retten. Alles, was ich für das Mädchen tun konnte, war, Gott zu bitten, ihrer Seele gnädig zu sein und ihr einen schnellen Tod zu schenken.
Bartholomeus ermahnte mich, mich nicht vom rechten Weg zu entfernen. Aber ich wusste auch ohne die versteckte Drohung meines Meisters, dass mein Denken gefährlich war. Schon ein falsches Wort kann aus dem Ankläger einen Angeklagten machen.

Wie bei jeder Hinrichtung trat Bartholomeus auch an jenem Tag, an dem Helena ihr Leben verlor, vor die Angeklagte und forderte sie auf, dem Teufel und dem Bösen abzuschwören. Er versprach ihr, dass Gott ihrer Seele gnädig sein werde, wenn sie ihre Schuld bekenne und Buße tue.
Helena flehte um Gnade und schwor bei Gott, unschuldig zu sein. Aber als alles Flehen nicht half, änderte sich ihr Verhalten, sie wurde immer hysterischer und versuchte, sich aus den Griffen ihrer Wächter zu befreien. Es schien, als hätte sich Satan wirklich ihres Körpers bemächtigt. Aber genau so schnell, wie dieser Anfall gekommen war, verschwand er und sie brach weinend zusammen.
Nachdem sie sich wieder gefangen hatte, ließ sie sich widerstandslos auf den Scheiterhaufen führen. Nun schien es, als hätte sie sich mit dem, was ihr bevorstand, abgefunden. Als man sie an den Pfahl band, hörte ich das Gebet, das sie leise sprach. Als man das Feuer anzündete, erkannte ich in ihren Augen grauenhafte Angst und Verzweiflung. Je höher die Flammen schlugen, desto lauter wurde ihr Gebet. Bis die Ohnmacht sie von ihren Qualen erlöste, konnten ich und die herumstehenden Menschen hören, wie Helena ...