Nachts sind alle Katzen schwarz

Beim Treffen des Mafioso Harry mit einem alten Mann geht es um einen außergewöhnlichen Deal. Der Greis will ein Wesen in Gestalt einer angeblich Unglück bringenden schwarzen Katze an den Gangster verleihen. Als Beweis für das Können des mysteriösen Tieres wird beschlossen, dass es innerhalb einer Vollmondnacht die Bewohner dreier Häuser töten soll. So kommt es, dass für das bizarre Künstlerpaar John und Ginger ein gnadenloser Kampf ums Überleben beginnt. Ihr ausgebrochenes Haustier, eine Königskobra, ist dabei nicht die einzige Gefahr im Dunkeln… Lesermeinung: „...schwarzhumorig- spannende Mischung aus S. King und Q. Tarantino..."

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Aufrufe 213 | Genre Horror | Sprache deutsch | Altersempfehlung 18+ | Website zum Buch Link

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Er stand wie angewurzelt auf der achten Treppenstufe. Die deutlich von den Wänden abgegrenzten Umrisse der Königskobra stachen in seine Augen. Sie hatte sich zwei Sprossen über ihm wie ein kaltblütiger Todesbote aufgerichtet, sodass sich ihr Haupt auf der Höhe seines Gesichts befand, bereit, jede Sekunde zuzustoßen. John verteufelte sich selbst. Wäre er nicht in blindwütigem Leichtsinn hinaufgestürmt, hätte sich das Tier, welches ihn zuvor ebenso wenig registriert hatte, niemals aufgestellt und er wäre auch nicht in diese ausweglos erscheinende Situation geraten. Warum um alles in der Welt hatte er sich dermaßen kurzsichtig verhalten, obwohl er normalerweise sehr vorausschauend handelte?

Das ohnehin schon rasende Schlangenblut zirkulierte noch schneller in seinen kapillardünnen Bahnen, als das aufgeschrockene Reptil nervös mit der Zunge die abermals erstarrt wirkende Gegend ausforschte. Noch vor weniger als einer Minute war hier alles in Ordnung gewesen, die Zielrichtung durch den dunklen Teppich in verführerischer Nähe bestimmt. Dort hätte sie angenehmere Bedingungen vorgefunden als auf diesem ungewohnt glatten Untergrund, der ihren Bauchschuppen zu wenig Bodenhaftung verlieh. Doch eine weitaus größere Schwierigkeit hatte sie plötzlich überrascht. Sie konnte die Augen dieses Problems ganz genau in seinem Gesicht ausmachen und kannte somit die verletzlichste Stelle ihres Feindes. Diese Tatsache beruhigte sie ein wenig, obwohl sie noch lange nicht gewillt war, ihre stehende Drohhaltung zu entspannen oder gar in den Grundzustand überzugehen.

John war sich darüber im Klaren, mit welcher Reaktion die Schlange jede seiner Bewegungen bestrafen würde. Der natürliche Reflex, den tödlichen Giftbiss auf eine Regung des Feindes hin abzugeben, war einer der Instinkte, die man einem Tier wie diesem auch nach noch so vielen Jahren in Gefangenschaft niemals abgewöhnen konnte. Zu seinem großen Erstaunen zeigte sich das Reptil nicht so aggressiv, wie er erwartet hatte. Die zischelnden Geräusche, die es jetzt von sich gab, hatten schon etwas Beängstigendes, doch sie klangen längst nicht so bedrohlich wie in den zahlreichen Dokumentationen, die er über diese legendäre Art gesehen hatte. Das Fauchen hatte auf Grund seiner Dauer und Lautstärke mehr eines entspannten, tiefen Atemzugs als eines Einschüchterungsversuchs.

Etwas war grundlegend anders an diesem Gegner. Als junge Schlange hatte sie einmal in die Rüsselspitze eines Arbeitselefanten beißen wollen, doch als er die Drohgebärde binnen Sekunden richtig gedeutet und das Weite gesucht hatte, war sie erleichtert gewesen. Dieser zweibeinige, ebenfalls überdimensional große Widersacher dachte im Gegensatz zu dem monströsen Schreckgespenst ihrer Kindheit überhaupt nicht an Flucht. Eine neue Welle der Furcht überflutete ihren Leib mit Stresshormonen.

Das markerschütternde Zischen kam für John so überraschend, dass er zusammenzucken musste. Es hallte noch eine Weile in seinem Gehirn nach, während seine vor Angst geweiteten Augen direkt in die der Schlange blickten. Hinein in Seelentore, die seit prähistorischen Zeiten diesen eiskalten, erstarrten Ausdruck repräsentierten. Die Ähnlichkeit mit denen eines Totenschädels war verblüffend. Das Tier selbst schien ihn auch förmlich anzugrinsen. Die Tortur, der er sich gerade zu unterziehen hatte, folgte einer Grundregel: Er durfte sich nicht bewegen. Ein einziges zu schnelles Blinzeln hätte eventuell tödliche Folgen. Das Schlimmste daran war, dass sein Gegenüber erstaunlich lange in derselben Stellung verharren und jederzeit, nämlich bei der kleinsten Regung, zustoßen konnte. Starke Muskeln und enorme Reaktionsschnelligkeit ermöglichten diese in der Natur ausgesprochen hilfreiche Fähigkeit. Es würde bald zubeißen, in diesem besonderen Fall höchstwahrscheinlich mitten ins Gesicht.

Die Kobra schwang den etwa einen Meter stehenden Vorderkörper leicht nach hinten und wieder nach vorne, sodass ihre gespaltene Zunge seine Nasenspitze fast berührte. Mittlerweile war jedes Fünkchen Unentschlossenheit aus ihrem wie eine Feder angespannten Muskelschlauch gewichen. Noch nie zuvor hatte sie sich dermaßen aufgeladen gefühlt. Dieser durch überdurchschnittliche Aggressivität gekennzeichnete Zustand ging normalerweise nur mit der Nestverteidigung einher. Wie auch immer, sie spürte instinktiv, dass jetzt der richtige Zeitpunkt endlich gekommen war. Der heftige Luftzug, welchen sie auf ihren Zungenspitzen einen Wimpernschlag zuvor wahrgenommen hatte, signalisierte die Aufregung des Feindes.

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