Nächster Halt: Irrenanstalt

Warum Pauschalurlaub, wenn es auch viel anstrengender geht? Zum Beispiel sich als unerfahrenes Campingpärchen mit einem alten umgebauten VW-Bus und einer Fellnase auf den langen Weg zur kroatischen Küste aufzumachen. Mit dem eigentlichen Ziel sich der völligen Entspannung hinzugeben, müssen erst einmal die Tücken des harten Campingalltags bewältigt werden. Unwirtliche Campingplätze, verpasste Fähren oder Maschinenöl als Aperitif sind eine der vielen Herausforderungen, die gemeistert werden müssen.

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 202 | Genre Humor | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 18+

Taschenbuch

( 978-1539984290 )

Kindle Edition

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Zweites Kapitel (km-Stand 256.460) Chiemsee-Villach (A)

Der nächste Morgen ist an billigem Pathos nicht zu überbieten! Frühnebel tanzt um unseren Bus herum, die Sonne flankt ihren Strahl auf den schummerigen Dunst und darüber glitzern die Berge im Morgenlicht. Natürlich ruft so etwas auch den örtlichen Fotografen auf den Plan, der morgens um fünf um unseren Bus herumscharwenzelt, um ein Paar Schnappschüsse für den nächsten Touristenkalender zu schießen. Mit seiner koketten Baskenmütze auf dem Schädel macht er uns darauf aufmerksam, es könne durchaus sein, dass der Arm des Gesetzes in dieser frühen Morgenstunde nach uns greift. Bei dieser Idylle ist es in meinen Augen jedoch wahrscheinlicher, dass König Ludwig mit seiner Armada aus dem Frühnebel erscheint und uns in den Karzer wirft, als dass uns hier die Chiemseecops ans Leder wollen. Wahrscheinlich fahren die Mehlmützen immer noch mit ihren grünen Fahrzeugen und Försteruniformen durch die Prärie. Trotzdem machen wir uns bereits um sechs vom Acker. Da es noch richtig früh ist, drehen wir mit dem Bus noch eine Runde um den See. Wir haben ja schließlich genug Zeit und gönnen uns eine schöne Rundfahrt durch Bilderbuch-Dörfer direkt am See. Schöne typische bayerische Häuschen mit prächtigen Blumen am Balkon wechseln sich mit saftigen Wiesen ab. Dazu sorgt der kristallklare See für wohliges Befinden. Es ist kaum Verkehr auf dieser entlegenen Landstraße und wir kümmern uns überhaupt nicht um irgendwelche Verkehrsdurchsagen.
Gegen halb acht werfe ich einen Blick auf das Navi. Rien ne va plus auf dem Highway nach Salzburg. Zu viele Bayern waren genauso clever wie wir und haben sich schon in den frühen Morgenstunden auf dem Weg in den warmen Süden gemacht. Uns bleibt mal wieder nur die Kurvenhatz über die Landstraße an die österreichische Grenze. Wir landen in Freilassing, wo am Samstagvormittag ein von mir so geschätzter Flohmarkt stattfindet. Na super! Ich verabscheue dieses Feilbieten von abgeranztem und überflüssigem Plunder und den damit verbundenen Menschenmassen und dem Gedrängel. Noch viel schlimmer ist es, auf solchen Märkten selber zu verkaufen. In aller Herrgottsfrühe den Stand aufbauen und den mitgebrachten Schrott an geizige verhandlungswillige Schnäppchenjäger verhökern, anstatt den Müll gleich zum Recyclinghof zu karren. Ich beschließe lieber die Zeit als meine Freundin totzuschlagen und irre mit unserem vierbeinigen Freund durch diese nichtssagende Grenzstadt. Wir gehen durch die Bahnunterführung auf die andere Seite dieses Fleckchens. Hier ist nun wirklich überhaupt nichts los. Der einzige lukullische Höhepunkt bleibt das Frühstück eines Einheimischen bestehend aus einer Flasche Weißbier am Kiosk morgens um neun. Prost! Es geht wieder zurück zum belebten Teil der Stadt, der außer dem Flohmarkt nichts zu bieten hat. Doch wenigstens der Flohmarkt hat sich gelohnt. Wenig später sind wir stolze Besitzer von zwei Isomatten, die wie auf den unwirtlichen Betonplateaus der kroatischen Küste ausrollen werden. Wir verlassen die Heimat, überqueren auf der Bundesstraße die türkisfarben schimmernde Salzach und landen in der Peripherie von Salzburg. Zu guter Letzt schaffen wir es auch noch vor Befahren der Autobahn uns ein „Pickerl“ zu besorgen, eine Legitimation, die österreichische Autobahn zu befahren, was sich aber bereits 10 km weiter als Schuss in den Ofen erweist.
Wir wandern von Stau zu Stau. Es sind gefühlte 30 Grad. Die Sonne lacht uns aus, weil wir keine Klimaanlage besitzen. Kurz vor dem Tauerntunnel haben wir die Schnauze gestrichen voll! Ein Rastplatz buhlt um unsere Gunst und wir sagen nicht nein. Leider ist dieser aber zum Bersten voll. Überall Autos, Menschen und plötzlich ein Weg aus der ganzen Misere. Wir schlüpfen durch eine Ausfahrt vom Rastplatz und fahren irgendwelche asphaltierte Wege an Feldrändern hinab ins Tal. Alles erscheint besser als im stickigen Stau auf der Autobahn zu stehen. Das Navigationsgerät spielt verrückt und weist uns ständig den Weg zurück zum Stau.
„Wo zum Henker sind wir hier?”, werde ich gefragt.
„Ich habe wirklich überhaupt keine Ahnung. Eben dachte ich noch, wir wären auf dem richtigen Weg, aber so langsam habe ich meine Zweifel. Nee, Mist. Hier sind wir schon mal längs gefahren.”
Wir reiten uns immer tiefer in die Grütze, denn wir entfernen uns immer mehr von der Autobahn. Es wäre auch wesentlich besser gewesen, einen Blick auf die Landkarte zu werfen. Dort sind sehr aufschlussreiche Eintragungen über hochprozentige Steigungen zu finden. Frisch frei weg von der Leber treten wir stattdessen unseren betagten Bus über den nun folgenden Tauernpass. Die Steigungen werden immer frecher. Die Gänge werden bei bestem Kaiserwetter reingebolzt, anstatt gemächlich bei niedrigen Gängen wie eine Nacktschnecke den Berg hochzukriechen. Wir zwingen unser Gefährt in die Knie. Die Kühlmitteltemperaturanzeige steigt unerbittlich. So eben schaffen wir es noch Untertauern zu passieren, aber für Obertauern reicht es nicht mehr .

Taschenbuch

( 978-1539984290 )

Kindle Edition

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