Operation White Angel

Alexander Schalk hat alles, was man zum Glücklichsein braucht: eine schöne Frau, ein schickes Haus, einen gut bezahlten Job. Als eines Tages ein unbekanntes Virus alle Männer auf dem Planeten zeugungsunfähig werden lässt, kümmert ihn das zunächst wenig - bis seine Frau kurze Zeit später schwanger wird. Sollte er etwa gegen den Erreger immun sein? Alles deutet darauf hin, dass Alexander der "White Angel" ist, nach dem die ganze Welt fieberhaft sucht - von ihm hängt das Fortbestehen der Menschheit ab. Die beiden beschließen, ihr Geheimnis niemandem zu verraten. Doch dann kommt alles ganz anders ...

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 25 | Genre Drama | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 14+ | Website zum Buch Link

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Samstag, 10. Januar 2026

Der Buchhalter Alexander Schalk war nicht der Meinung, dass es einem Kinde gut tat, in einem schalldichten Kellerraum aufzuwachsen.
Er wusste nicht, ob ein Säugling derartige Umstände bewusst wahrnahm. Doch er konnte sich gut vorstellen, dass sein Kind eines Tages eine Phobie entwickeln würde. Oder aber, es würde zeit seines Lebens eine besondere Zuneigung zu solchen Räumen verspüren, ohne zu wissen weshalb.
All dies war immer noch besser, sogar viel besser, als das, was seinem Kind zustoßen konnte, wenn er nicht alles Menschenmögliche unternahm, um seine Existenz vor der Welt da draußen geheimzuhalten. Alina und er hatten die Sache ausdiskutiert, unermüdlich, immer und immer wieder aufgerollt und von verschiedenen Seiten beleuchtet, Tag für Tag am Frühstückstisch und Abend für Abend vor dem Zubettgehen. Es gab keine andere Möglichkeit.
Derzeit lag sie ein Stockwerk höher mit einem gebrochenen Bein auf dem Sofa, während er hier unten versuchte, eine Festung der Isolation zu schaffen, wobei ihm seine handwerkliche Unfähigkeit nicht sonderlich zupass kam. Das Isolieren von Räumen hatte in seinem Leben nie eine bedeutende Rolle gespielt. Sicher, im einundzwanzigsten Jahrhundert wimmelte es im Internet von idiotensicheren Schritt-für-Schritt-Anleitungen zu allen erdenklichen Zwecken. Doch in diesem Zeitalter gab es wohl ebenso viele Personen, die es sofort registrieren würden, wenn er nach einer dieser Anleitungen recherchierte. Was, wenn das schalldichte Abschotten von Kellerräumen eines der Kriterien für auffälliges, nachwuchsverdächtiges Verhalten erfüllte? Alina war sicher, dass es eine offizielle, von der Regierung aufgestellte Liste mit derartigen Kriterien gab, die für alle Datenspeicherungsstellen weltweit verbindlich war.
Wenn er darüber nachdachte, sah er im Geiste seinen eigenen Namen, sowie den seiner Frau, auf einem Computerbildschirm auftauchen. Dort wurden diese in ein spezielles Verzeichnis verschoben, mit dem Titel Verdächtige Objekte. Gleichzeitig sah er auf einem anderen Bildschirm eine Satellitenaufnahme seines Stadtteils, ein Fadenkreuz, das auf eine bestimmte Position ausgerichtet wurde und langsam immer näher heranzoomte, bis sein Haus in voller Größe auf dem Bildschirm zu sehen war; man konnte sogar die Geranien in den Blumenkästen vor den Fenstern erkennen. Man würde Nachforschungen anstellen. Man würde herausfinden, dass in diesem Haus, in diesem Keller nicht etwa gerade Aufnahmen für ein Heavy-Metal-Album stattfanden.
Verdammte Paranoia, schoss es ihm durch den Kopf. Er lehnte an der Wand neben der Kellertür und begutachtete seine bisherige Arbeit skeptisch. Langsam ließ er sich an der Wand niedersinken, bis er den kalten Betonboden unter sich spürte, und seufzte auf. Er hatte den ganzen Nachmittag hier unten verbracht, und erst jetzt, in diesem kleinen Moment des Innehaltens, fiel ihm auf, dass es hier unten angenehm nach blumigem Waschmittel duftete. Wahrscheinlich hatte seine Frau heute morgen eine Ladung aus der Waschmaschine geholt. Doch nein, dann wäre von dem blumigen Hauch jetzt nichts mehr zu vernehmen. Sie musste die Wäsche gemacht haben, während er hier drin vor sich hin gewerkelt hatte. Er liebte diesen Duft. Oh Mann. Jetzt spinnst du wirklich schon. Aber ganz gewaltig. Selbstverständlich kraxelt deine Frau mit ihrem gebrochenen Bein die Kellertreppe herunter, eine Krücke in der Linken und den Wäschekorb unter die Rechte geklemmt. Als er erneut in die Luft schnupperte, roch er nur Kellermief, den Geruch von Plastik und von trocknendem Mörtel. Egal. Es gab bestimmt schlimmere Halluzinationen, die man in einer solchen Situation haben konnte. Wahrscheinlich hatte er den Geruch noch vom vergangenen Tag in der Nase. Da hatte überall auf der Treppe Wäsche herumgelegen.
Unruhig sah er sich um und wusste nicht weiter. Er hatte das kleine, vergitterte Kellerfenster mit einem halben Eimer Mörtel, von dem er noch ungefähr wusste, wie man ihn anrühren musste, zugemauert. Er hatte den Maurern bei den Renovierungsarbeiten zugesehen, als Alina und er das Haus vor zwei Jahren gekauft hatten.
Anschließend hatte er die Wände rundherum sorgfältig mit Styroporplatten abgedeckt, und er vermutete, dass in dem Raum dadurch eine angenehme Wärme herrschen würde, war jedoch absolut nicht sicher, ob diese Maßnahme zur akustischen Abdichtung beitrug. Doch was man hatte, das hatte man; außerdem wollte er noch mindestens zweimal zum Baumarkt fahren. Es war weniger verdächtig, wenn er seine Materialien nicht alle auf einmal kaufte. Als nächstes waren die Eierkartons dran. Seine Frau hatte über die vergangenen Monate eine ganze Kiste davon gesammelt. Danach eine Schicht Schaumstoff. Und danach eine abschließende Schicht Styroporplatten. Er fühlte sich wie der letzte Stümper und verfluchte den Tag, an dem er sich für den Beruf des Buchhalters entschieden hatte. Tontechniker hätte er werden sollen. Oder Ingenieur. [...]