Roana

Sizilien 1254 Als ihr Onkel Gandar auf unerklärliche Weise verschwindet, bricht für Roana eine Welt zusammen. Schnell wird ihr klar, dass Eile geboten ist, wenn sie ihren Onkel lebend wiedersehen will. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als Rafael um Hilfe zu bitten, einem Mann, dem man nachsagt, ein skrupelloser Mörder zu sein. Rafael hat überhaupt kein Interesse daran, sich mit der unnahbaren Grafentochter abzugeben, doch Herzog Gandars Verschwinden ist in der Tat ein Notfall. Gemeinsam gehen sie auf Spurensuche, aber schnell gerät Roana in einen Strudel aus Intrigen, Eifersucht und roher Gewalt. Ihr Leben ist in Gefahr - und während Rafael sich aufmacht, um sie zu retten, muss er erkennen, wie sehr Roana sich schon in sein Herz geschlichen hat...

Schlagworte zum Buch: Mittelalter,Liebesroman,BadBoy,starkeFrau,Selbstfindung

Aufrufe 159 | Genre Historischer Roman | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+ | Website zum Buch Link

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( 978-3-8476-2298-7 )

1 CAUSA (URSACHE, GRUND)


Lagerstadt Victoria, in der Nähe von Parma, Italien

An einem Februarmorgen des Jahres 1248, kurz vor Sonnen-aufgang, begann das Töten.
Im Westen der Po-Ebene war der Himmel noch dunkel, doch im Osten glühte er bereits orange und violett. Die Nacht wich langsam aus den Straßen der kaiserlichen Stadt Victoria zurück, wie eine geschlagene Streitmacht, während das erste Licht des Tages über die Dächer kroch. Die Zinnen der hölzernen Wehrmauer standen als schwarze Umrisse vor dem flammenden Horizont.
Drei in dunkles Tuch gekleidete Gestalten schlichen verstohlen durch die Gassen und näherten sich einem der Stadttore. Lautlos meuchelten sie die Torwächter, wischten ihre Dolche ab und öffneten die Mannpforte neben dem Tor. Mehr und mehr Finsterlinge sickerten in die Stadt, huschten zu den Stadttoren und begannen ihr Vernichtungswerk. Nur wenige Herzschläge später brach die Hölle los.
Der Besatzung von Victoria blieb keine Zeit, um sich auf den Angriff vorzubereiten. Ein Gutteil der Männer wurde vom Dröhnen der Sturmglocke aus weinseligem Schlummer gerissen. Schlaftrunken griffen sie nach ihren Waffen und stolperten halb bekleidet auf die Straßen. Andere wiederum hielten den Alarm für eine Übung und verabschiedeten sich erst umständlich von ihren Dirnen, bevor sie ihren Kameraden zur Hilfe eilten. Doch da war es schon zu spät. Der Ansturm der Soldaten und Bürger aus Parma kannte kein Zögern und überrollte die Stadt Kaiser Federicos mit der Wucht einer Lawine.
In seinem Versteck verzog Rafael höhnisch die Lippen, während er sich auf dem Marktplatz umsah, der sich so unerwartet in ein Schlachtfeld verwandelt hatte. Wenigstens brauchte er sich dieses Mal keine Gedanken zu machen, wo er die Leiche verstecken sollte. Ein Toter mehr oder weniger fiel in diesem Gedränge nicht auf. So weit das Auge reichte, waren Ritter und Soldaten in erbitterte Zweikämpfe verwickelt und stolperten über die reglosen Leiber der ersten Gefallenen.
Harun stieß ihm das stumpfe Ende seines Wurfspießes in den Rücken. »Warum bleibst du stehen, Wurm?«, rief er über das Waffenklirren hinweg. »Vorwärts, geh weiter.«
Rafael fuhr mit einem so wilden Blick zu seinem Herrn herum, dass dieser unwillkürlich zurückwich.
Haruns Überraschung hielt jedoch nicht lange an. Er versetzte Rafael einen heftigen Stoß mit dem Spieß und sichelte ihm gleichzeitig mit einem Fußtritt die Beine weg. Rafael schlug schwer auf dem Boden auf.
»Du willst dich mit mir anlegen, du elendes Stück Dreck?«, spottete Harun. »Nur zu! Nichts bereitet mir mehr Freude, als dir eine Lektion in Demut zu erteilen.«
Rafael lag bäuchlings im Staub. Seine Rippen schmerzten und er konnte spüren, wie sein Herz wild in seiner Brust zu trommeln begann. Wenn er doch nur … Aber dann presste er die Kinnladen zusammen und würgte seinen Zorn hinunter. Demütig kroch er vorwärts und berührte mit der Stirn Haruns Schuhspitzen. Die vergangenen fünf Jahre hatten ihn schmerzhaft gelehrt, dass ein Sklave keine Würde mehr besaß und keinen eigenen Willen. Für ihn gab es keine Gerechtigkeit, niemanden, bei dem er sich beschweren konnte, keine Hilfe. Es gab nur Erniedrigung, Knechtschaft des Körpers und des Geistes, Unterjochung und Scham.
»Nun mach schon. Hoch mit dir!« Sein Herr versetzte ihm einen aufmunternden Fußtritt. Rafael erhob sich eilig und nahm Dolch und Wurfmesser entgegen, die sein Herr ihm reichte. »Du weißt, was der Scheich von dir erwartet.«
Oh ja, das wusste er. Rafael verstaute die Waffen in seinem Gürtel. Seine Hände waren die eines Jungen, und trotzdem hatte er solche Taten damit begangen, dass keine Buße seine Seele noch vor der Hölle bewahren konnte. Eigentlich hätte ihm das etwas ausmachen müssen. Aber das tat es nicht.
»Töte den Herzog«, befahl Harun, »und du erhältst eine Woche lang Essensreste vom Tisch des Scheichs.«
Rafael starrte seinen Peiniger ungläubig an. Sich sieben Tage lang nicht mit den Ratten um die mageren Küchenabfälle balgen zu müssen, die man ihm für gewöhnlich zugestand, erschien ihm wie das Paradies auf Erden. Der Herzog musste ein wahrhaft gefürchteter Mann sein, wenn sein Tod eine Belohnung dieser Größe rechtfertigte. Harun wusste genau, dass er alles dafür tun würde, um sie sich zu verdienen.
Entschlossen wandte Rafael sich wieder seinen Beobachtungen zu. Hörner wurden geblasen. Gruppen von Feldkämpfern und Sarazenenkriegern in den kaiserlichen Farben kreuzten sein Blickfeld. Sie alle liefen zielstrebig zum Palast und Rafael schloss sich ihnen an. Wenn er Glück hatte, führten ihn die Sarazenen direkt zu seinem Opfer.
Der Palast war so groß und prunkvoll, dass Rafael einen Augenblick zu träumen glaubte. Doch die Zerstörung war echt. Alle Türen waren aufgebrochen und hingen zersplittert in ihren Angeln. Polternder Lärm verriet, wo die Plünderung noch in vollem Gange war. Die Sarazenen hielten eine kurze Beratung ab, teilten sich in zwei Gruppen und hasteten in verschiedene Richtungen davon.

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