Sacred

Alessa kann es kaum fassen, dass ausgerechnet sie eine der begehrten Arbeitsplätze in einem der größten Unternehmen des Landes ergattert hat. Als würde das neue Projekt nicht schon genügend Chaos veranstalten, findet sie sich mitten in einer Intrige wieder, die ihresgleichen sucht und alles aus dem Gleichgewicht bringt. Genauso wie Luce. Der lässt einfach nicht locker und schleicht sich, zu ihrem Überdruss, langsam in ihre Gedanken… Er bringt alles in ihr durcheinander und konfrontiert sie mit ihren verdrängten Ängsten. Doch wird es sich lohnen, endlich das Trauma hinter sich zu lassen oder wird sie endgültig daran zerbrechen? Inklusive Leseprobe zu "Kalahari - Moment of Truth"

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 114 | Genre Liebesroman | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+

Erneut ließ ich meinen Blick über die anderen Personen in dem Raum schweifen und verbot mir dabei selbst, auf die Uhr zu schauen. Ich wollte gar nicht wissen, wie lange ich hier schon mit den anderen wartete. Zu lange, wenn es nach dem dünnen Top ging, dass ich unter der Bluse mit den ¾- Armen trug. Es klebte mir unangenehm am Rücken und ich überlegte mir schon eine Weile, wie ich es wieder lockern konnte, ohne, dass ich mir dabei verrenkte und somit zum Affen machte.
Vor 10 Tagen hatte ich eine Anzeige von der Sacred Holdinggesellschaft per Zufall im Internet gesehen. Laut Seitenvermerk war diese Anzeige bereits vor einen Monat eingestellt worden und besagte, dass die Holdinggesellschaft zum 01. April, wenn möglich auch früher, einen neuen Mitarbeiter oder eine neue Mitarbeiterin suchte. Es handelte sich dabei um die Stelle des/der Ersten Sekretär/in für die Geschäftsleitung, die zunächst auf zwei Jahre, aber mit der Option auf eine unbefristete Stelle, besetzt werden sollte. Ungewohnt für eine solche hohe Stellung, waren kaum Anforderungen angegeben, lediglich ein kundenorientiertes Auftreten und der Umgang mit den gängigen Computerprogrammen.
Da war auch vielleicht der Grund, warum ich zu Beginn noch mit 15 vollkommen verschiedenen Persönlichkeiten in diesem Raum gesessen hatte. Bis auf einen Mann, der nach meiner Ankunft als erster den Raum verlassen hatte, waren es ausnahmslos Frauen jeder Alters- und Gesellschaftsklasse. Einigen sah man an, dass sie mit aufreizender Kleidung und hochnäsigem Auftreten, die andere mit dem buchstäblichen Sinnbild einer Sekretärin sowie ihrem Fachwissen punkten wollten.
Während man in diesem kleinen Raum darauf wartete, an der Reihe zu sein, konnte man sich mit zahlreichen Fachzeitschriften, die quer über den Besprechungstisch lagen, unterhalten. Auch für das leibliche Wohl war in Form eines Kaffeevollautomaten, einer Auswahl von lokalen Sprudelsorten sowie einer kleinen Schale mit Keksen gesorgt.
Kaoru war nicht begeistert gewesen, als ich ihm von der Anzeige und meinem Bestreben, mich dort zu bewerben, gehört hatte. Ihm war wohl sofort klar gewesen, dass die Konkurrenz wirklich hart war und ich augenscheinlich kaum Chancen hatte. Je länger ich in diesem Raum saß, desto mehr glaubte ich auch daran.
Ich spielte mit dem Gedanken, aufzustehen und mir meinen Becher erneut mit Sprudel zu füllen, als wieder der Klang von Absätzen auf dem Flur durch die ein Spalt offene Tür zu hören war. Neben mir waren noch sieben weitere Frauen im Raum; ich registrierte, wie einige sich gerader bei diesem Geräusch aufrichteten. Sie taten, als würden sie interessiert in den Zeitschriften, wenn sie denn welche in der Hand hatten, lesen oder zogen noch einmal ihre Kleidung gerade bzw. suchten nach einem nicht vorhandenen Fussel.
Da öffnete sich die Tür einen Spalt weiter und die etwa 30 – jährige blonde Frau, die trotz der Wärme auf dieser Etage des Gebäudes einen langen, marineblauen Blazer trug, kam in den Raum hinein. Die Spannung stieg jedes Mal, wenn sie zu hören und dann zu sehen war. Wie bei den vorherigen Malen hatte sie ein Klemmbrett in der einen, einen Stift in der anderen Hand. Ich hatte sie jedes Mal beobachtet, wie sie zuerst die Liste, dann die Personen im Raum fixierte, bevor sie einen Namen nannte. Sie ließ sich durch nichts anmerken, was sie von diesem ganzen Theater und der bunten Mischung an Bewerbern hielt.
„Alessandra Calessi“, sagte die Frau nach einem Moment der Stille ein wenig unsicher. Ich kannte dieses Zögern, wenn man meinen Namen aussprach, denn viele waren sich nicht sicher, ob die beiden S-Laute in meinem Vor- und Nachnamen gleich ausgesprochen wurden (wurden sie nicht).
„Hier“, sagte ich, um ihr anzudeuten, dass ich anwesend war. Beim letzten Mal hatte sie drei Namen nennen müssen, bevor eine Frau aufgestanden war.
Ich erhob mich jetzt, nahm meine kleine Handtasche auf, die an meinem Stuhl gelehnt hatte und führte meinen Plastikbecher dem Mülleimer zu. Ich riskierte ein letztes Mal einen Blick auf die beiden Bewerberinnen, die der Tür am nächsten saßen und länger als ich warteten. Sie blickten genervt und auch ein wenig böse zurück; ich erwartete fast, dass sie mir an den Hals sprangen, weil ich vor ihnen an die Reihe kam.
Doch dann war der Moment vorbei, denn ich war durch die Tür hinaus und folgte der namenlosen Frau.