Sturmwindflaute

Dieses Jahr ist alles anders bei der Wahl des B├╝rgermeisters von Wesselsiel, denn dieses Jahr bekommt Seller kr├Ąftigen Gegenwind als langj├Ąhriger Amtsinhaber. Schweinebauer Mettmann tritt kurz entschlossen als Gegenkandidat an und begibt sich mit Traktor, Musiktruhe und Silvesterfeuerwerk auf eine unkonventionelle Wahlkampftour. Nat├╝rlich endet jede Kundgebung im Chaos, und Polizeiobermeister R├╝ddger Hansen hat alle H├Ąnde voll zu tun den Frieden im Dorf zu bewahren. Ausgerechnet jetzt meldet sich auch noch Polizeianw├Ąrter Fridolin Knecht zum Praktikum auf der Wache, und bei Dr. Bookler gibt es einen Einbruch aufzukl├Ąren ÔÇŽ

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 141 | Genre Humor | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 15+

Taschenbuch

( 978-3848232185 )

Kindle Edition

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Unglaublich!
Also ehrlich!
Ich muss das jetzt hier einfach mal vorwegnehmen, obwohl es ja eher fast das Ende der Geschichte ist.
Egal.
Also, da versammelt sich doch die gesamte Wesselsieler Dorfgemeinschaft auf diesem brachliegenden Acker von Bauer L├╝ders. Okay, die Bezeichnung Acker trifft die Sache nach den sturzbach├Ąhnlichen Regeng├╝ssen der letzten Tage nicht ganz. Nennen wir es besser mal Schlammbecken oder Morastgel├Ąnde oder sumpfiges Anbaugebiet f├╝r Reispflanzen.
Dabei sind es heute gef├╝hlte sechzig Grad im Schatten zur Mittagszeit und so was von staubtrocken, wie schon lange nicht mehr. Aber in L├╝ders Acker versinkt man noch immer bis zu den Waden im Matsch. Ehrlich jetzt. Nichts ist hier zwischenzeitlich weggesickert oder zumindest oberfl├Ąchlich einigerma├čen abgetrocknet. Nix! Schlamm und Modder, soweit das Auge reicht.
Es ist heute sogar so hei├č, dass einige der Fischer hier schon Angst haben, das Meer k├Ânnte verdunsten, wenn es auf den ausged├Ârrten Sand der K├╝ste trifft. Und auf so einen Bl├Âdsinn muss man erst mal kommen!
Von daher sollte man also eher erwarten, dass die Ackerfl├Ąchen in der Umgebung mittlerweile wieder mehr der Sahara gleichen als dem Nildelta zur Hochwasserzeit. Naja, das tun sie ja eigentlich auch, nur eben L├╝ders Acker nicht. Keine Ahnung, woran das liegt. Unter normalen Umst├Ąnden w├╝rde jedenfalls kein Mensch versuchen, hier ohne Schwimmflossen und Tauchermaske dr├╝ber zu laufen.
Trotzdem, alles, was kreucht und fleucht an Dorfbewohnern, versammelt sich also in L├╝ders schlammigen Morastsumpf. Vor diesem riesigen Propeller. Selbst Oma Trude, die mittlerweile gar nicht mehr laufen kann, wird von vier Mann in ihrem Rollstuhl durch den triefenden Schlamm gedr├╝ckt. Praktisch v├Âllig hemmungslos, sozusagen.
Vor dieser Windkraftanlage, wie das Ding offiziell in Fachkreisen genannt wird, hat man ein Podest und so eine Art Rednerpult aus alten Fischkisten zusammengenagelt und mit genau einer bunten Girlande geschm├╝ckt. An einer in den Schlamm gerammten Dachlatte h├Ąngt noch eine Fahne mit Wesselsieler Dorfwappen. Also ganz gro├čes Kino hier!
Gut, ich sagÔÇÖ jetzt nur so viel: Eine krumme Dachlatte halte ich nun nicht unbedingt f├╝r so w├╝rdig, ein offizielles Hoheitszeichen zu tragen und gebrauchte Fischkisten bei tropischen Temperaturen in der Sonne ... Ehrlich jetzt, geruchstechnisch gesehen hat da aber auch jemand ganz tief ins Klo gegriffen.
Auch unglaublich!
Also, ob bei diesem bestialischen Gestank jetzt auf Dauer Feststimmung aufkommt, wage ich mal zu bezweifeln.
Aber egal.
B├╝rgermeister Seller erscheint ganz feierlich in seinem besten Sonntagsanzug. Allerdings mit Gummistiefeln anstatt Lackschuhen, die er sonst immer bei offiziellen Amtsangelegenheiten zu tragen pflegt.
Wegen des Morastes hier. Ist klar, oder?
Schade eigentlich, denke ich noch so, dass die Sch├Ąfte der Gummistiefel ein wenig kurz geraten sind. So ist die gute Nadelstreifenb├╝x dann doch bis zum Knie hoch mit Ackerschlamm versaut. Na gut, kann er sie halt noch abschneiden und als Bermudashorts tragen. Als sachlichgraue Variante f├╝r Norddeutschland quasi. Obwohl, wenn er diese mit seinen gekalkten Storchen-beinen tats├Ąchlich in der ├ľffentlichkeit tragen w├╝rde, m├╝sste ich ihn umgehend verhaften, wegen Erregung allgemeiner ├ťbelkeit, oder so. Seller in kurzen Hosen geh├Ârt blickdicht weggesperrt. Soviel ist mal sicher!
Na, egal erst mal.
Jedenfalls besteigt unser B├╝rgermeister das stinkende Fischkistenpodest und buhlt d├Ąmlich grinsend um die Aufmerksamkeit der knietief im Schlamm stehenden Audienz. Vielleicht grinst er auch gar nicht, sondern es handelt sich um eine spontan einsetzende Nervenverwirrung aufgrund des Gestankes. Kann ich jetzt direkt nicht so beurteilen. Ich stehe ja zum Gl├╝ck ein wenig weiter weg.
┬╗Herzlich willkommen, ihr lieben Wesselsieler B├╝rgerinnen und B├╝rger! Sch├Ân, dass ihr trotz gro├čer Hitze und anhaltender D├╝rre den Weg hierher, an die Keimzelle unserer Dorfzukunft, auf das herrliche Feld unseres Gemeindemitgliedes L├╝ders gefunden habt ÔÇŽ┬ź, beginnt er seine Ansprache ungew├Âhnlich stark n├Ąselnd und unter zunehmendem Verlust seiner Gesichtsfarbe. Ich bin mir nun sicher, dass ihm etwas ganz gewaltig aufs Nervenkost├╝m geschlagen sein muss. Herrliches Feld und anhaltende D├╝rreÔÇŽ nun mal ehrlichÔÇŽ
Was dann kommt, ist einer seiner ma├člos ├╝bertriebenen verbalen Erg├╝sse, bei denen man sich immer fragt, auf welchem sauerstoffarmen Planeten er wohl seine vergangenen Tage verbracht hat. Ein normal funktionierendes Gehirn w├╝rde so etwas jedenfalls nicht absondern, das ist mal sicher.

Taschenbuch

( 978-3848232185 )

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