Und niemand wird es je erfahren

Eine atemberaubende Geschichte um einen Babytausch, der durch sexuelle Abhängigkeit, dienstliche Macht und menschliche Schwäche möglich wurde. Der charismatische Dr. Mario G. steht im Jahre 1982 vor einem Dilemma. Seine ungewollten Zwillinge werden mit einer tödlichen Erbkrankheit geschlagen sein. Für seinen perfiden Plan kommt ihm Schwester Caroline in den Sinn… Zwanzig Jahre später begegnen zwei Zwillingsschwestern ihren puren Ebenbildern. Schnell wird klar: Zwei der Mädchen wurden bei ihrer Geburt vertauscht. Bleibt die Frage: Ist damals bewusst manipuliert worden? Während eine Mutter einen langen Verdacht bestätigt sieht, fällt die andere in eine merkwürdige Starre. Hilfe bei der schwierigen Suche nach der Wahrheit kommt von Marion, der Tochter von Caroline. Das Tagebuch ihrer Mutter enthält Bekenntnissen über fatale Sexualität, über ärztliche Allmacht und über unglaubliche menschliche Abgründe …

Schlagworte zum Buch: Macht,Mobbing,Erpressung,Liebe,Korruption,Babytausch

Aufrufe 153 | Genre Drama | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 18+ | Website zum Buch Link

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( 978-3-7380-6728-6 )

Zu jener Zeit, wo ihr das Leben das größte Geschenk gemacht hatte, wurde zugleich ihre große Liebe zur Pein. Lange wollte sie nicht wahrhaben, Mario immer noch verfallen zu sein. Bisweilen glaubte sie sogar, sie sei ihm diese Gefälligkeit noch immer schuldig. Schuld und Liebe sind wie Feuer und Eis.
»Lina« - nur er sagte Lina zu ihr, daran hatte sich nichts geändert - »ich habe damals für dich getan, was ich konnte. Heute möchte ich, dass du etwas für mich tust. «
Was so gütig begann, hörte sich am Ende eher befehlend an. »Es ist das erste Mal, dass ich so viel Vertrauen in dich setze. Lass es nicht das letzte Mal sein.«
Ihr wässriger Blick erkannte ein Wesen, das sie niemals in Mario vermutet hätte: flehend, bittend, beschwörend. »Das Leben ist unbarmherzig, Lina. Kein Mensch darf je erfahren, was ich dir jetzt anvertraue.«
Er versicherte, die volle Wahrheit zu sagen, um die Tragweite des Vorhabens klar zu machen.
»Du weißt, dass mein Sohn Ralf qualvoll gestorben ist. Diese Kinder, die da auf eurer Station liegen, sind wieder dem Tod geweiht, genau wie Ralf es war.«
Blitzschnell drehte sie ihren Kopf herum, den sie abgewendet hatte. Warum wusste sie nichts von seinen Sorgen? Mario sprach immer aus, was er für richtig erachtete, ob es sein Gegenüber vertrug oder nicht.
»Ralf ist an den Folgen eines Erbfehlers gestorben. Lina, ich werde das nicht noch einmal über mich ergehen lassen!«
Wie sollte sie glauben, dass dieser klagende Mann jener über alles erhabene Mario Groth war.
»Ich kann das nicht glauben«, flüsterte sie voller Sorge. »Warum hast du nie etwas gesagt …« Verraten durfte sie sich nicht. Wenn er jetzt etwas von Marion erfahren würde, brächte er sie um, zumindest würde er an Erpressung glauben.
»Und deine Frau…«
»Willst du mir nun helfen oder nicht.«
Wenn es etwas gab, womit zu helfen war, dann konnte es gegebenenfalls auch ihr nutzen und ihrem Kind. Das war ein triftiger Grund für ihr Nachgeben.
»Natürlich. Aber was kann ich schon tun?« Sie stotterte vor Angst und Erregung. Er beeilte sich in seinem gewohnten Befehlston:
»Du vertauschst die Kinder Benz und Groth. Sichere ab, dass niemand etwas bemerkt. Und achte auf die Papiere. Hast du das verstanden?«
Caroline glaubte, seit Minuten nicht mehr geatmet zu haben.
»Ich soll was …?« Sie kannte das Gefühl, ein Unrecht begangen zu haben, zudem erinnerte sie sich schmerzlich an seine Art, mit ihr umzugehen. Was er an diesem Tag von ihr wollte, grenzte an ein Verbrechen. Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen.
»Das kann ich nicht. Mario, warum tust du mir das an.«
»Kannst du ermessen, was das Leben mir angetan hat? Die Bilder meines todkranken Jungen haben mir in unzähligen Nächten den Schlaf geraubt. Die apathische Miene im aschfahlen Gesicht. Kennst du so etwas? Die Ärmchen durchscheinend wie Elfenbein, demütig über die Brust verschränkt. Die kraftlos tollpatschigen Schritte, bevor die Lähmung ihn in völliger Erblindung erstarren ließ.«
Er konnte immer in drastischen Bildern reden, aber bedauern konnte sie ihn nicht mehr. .
»Eine verdammte Ironie des Schicksals!«, hörte sie ihn wie aus der Ferne. »Ein Augenarzt, dessen Kind unaufhörlich das Augenlicht verliert, kann nicht helfen, weil er die Ursache nicht kennt. Und dann dieses Ende!«
Er legte seine Arme um ihren Hals und bat sie flehend, ihm aus dieser Qual zu helfen. Welches Argument würde gegen seine Selbstherrlichkeit helfen? Es konnte nur selbstherrlich sein, wenn einer Gott zu spielen versuchte. Einen klaren Gedanken zu fassen, gelang ihr nicht, also faselte sie etwas von Menschlichkeit, die sie seit diesem Moment gänzlich an ihm vermisste.
»Ich habe Angst, Mario, dass jemand … etwas merkt. Die Mädchen werden nie ihren Müttern ähneln.«
»Es ist nicht das erste Mal, dass Säuglinge vertauscht werden.«
Sie klammerte sich an jeden erdenklichen Strohhalm: »Jede Mutter erkennt ihr Kind.«
»Diese Mütter nicht. Dafür habe ich gesorgt. Noch sieht man bei den Winzlingen keinen Unterschied. Kein Mensch wird etwas merken. Es muss nur sofort sein. «
Sie weinte. In Gedanken sah sie die Bilder der beiden Benz-Winzlinge, die sie seit zwei Tagen zu betreuen hatte. Julia und Jasmin. Am schlimmsten war der Gedanke, dass zu den totgeweihten Kindern des Mario Groth noch ein Name dazu kam: Marion Kunz. Sie hatte ihrem Kind seinen Namen gegeben, hoffnungsvoll und ehrlichen Herzens. Bei dem Gedanken, was diesem süßen Kind womöglich noch bevorstand, wollte sie schreien und brachte doch keinen Ton heraus.
»Niemand wird es je erfahren!«, donnerte seine Stimme über sie hinweg, ungeduldig, vorwurfsvoll.



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