Volturnus schläft

Schwarzwald, 1748. Ein folgenschwerer Unfall im Wald, ein heimtückischer Mordanschlag am Fluss, eine schändliche Entführung … Von einem Tag auf den anderen ist in der sonst so friedfertigen Flößerstadt Altensteig nichts mehr wie zuvor. Doch es kommt noch schlimmer: Schuld an den Gräueltaten soll die blinde Wirtstochter Agnes haben, die vom Opfer zum Sündenbock gemacht wird. Hexenwerk sei im Spiel, und der Ruf nach Vergeltung wird laut … Ein facettenreicher historischer Roman, der den Alltag des Schwarzwalds im 18. Jahrhundert wieder aufleben lässt.

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Aufrufe 172 | Genre Historischer Roman | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 0+ | Website zum Buch Link

Taschenbuch

( 978-1505990041 )

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Leseprobe "Volturnus schläft"
von Bettina Schott

(...) Agnes schleppte ihre Milchkanne über den Altensteiger Saumarkt, an der Getreidemühle vorbei bis zum unteren Stadttor. Dort stellte sie ihre Last kurz ab, um wieder etwas zu Atem zu kommen. Um diese frühe Tageszeit war es in Altensteig ausgesprochen ruhig, viele der Fensterläden waren noch geschlossen, und hie und da hörte man einen winselnden Hund oder das unsägliche Maunzen eines rolligen Katers. Außer dem Bäckermeister und den Holzarbeitern, die sich schon vor Sonnenaufgang auf den Weg zu ihrer Arbeitsstätte gemacht hatten, standen die meisten Altensteiger erst mit dem ersten Hahnenschrei auf.
Agnes war schon immer früh auf den Beinen. Für sie war es gleichgültig, ob es Tag oder Nacht war, ob hell oder dunkel. In ihrer Welt gab es diese Abstufungen nicht. Sie machte sich weiter die Alte Steige hoch und passierte die frühere Kaplanei, in der sich nun seit fast fünf Jahren die neue Deutsche Schule befand. Beim Gedanken an das Lehrgebäude bekam Agnes ein sehnsüchtiges Kribbeln im Bauch. Wie gerne würde sie sich der Literatur widmen und dem Studium der Natur und der Lebewesen. Ganz speziell wäre sie der Medizin zugetan, um zu verstehen und zu lernen, wie sie den Menschen Heil bringen könnte.
Agnes strich sich eine blonde Locke aus dem Gesicht, die widerspenstig genau an dieselbe Stelle wieder zurückhüpfte, und schob ihre Tagträume seufzend beiseite. Sie wusste nur zu gut, dass sich ein Mädchen ihres Standes keine Gedanken um eine Zugehörigkeit zu einer solchen Lehranstalt machen brauchte. Selbst wenn adliges Blut durch ihre Adern fließen würde oder sie zumindest der gehobenen Bürgerschaft angehörig wäre, hätte sie aufgrund ihrer außerordentlichen Befindlichkeit keine Chance auf solch eine schulische Erziehung. Sie war blind – und das von Geburt an.
Blinde galten als bildungsunfähig und wurden nicht selten wie Aussätzige behandelt. Sie hatte noch Glück, dass ihre Mutter sich um sie kümmerte und sie nicht als Säugling in eines der Armenhäuser gebracht hatte. Es ginge aber noch schlimmer: Andere Mütter überließen ihre fehlgebildeten Kinder einfach ihrem Schicksal und ließen sie in der Gosse liegen.
Als der alte Schulmeister noch in Altensteig unterrichtet hatte, durfte Agnes wenigstens am Schulunterricht der normalen Volksschule teilnehmen, obschon es ihr nicht wirklich viel nutzte. Immerhin konnte sie so aber das Alphabet erlernen. Das Niederschreiben war ihr zwar nicht möglich, aber aufsagen konnte sie es im Schlaf.
Vor fünf Jahren übernahm Schulmeister Gassner das Regiment in der Schulstube, und seine erste Amtshandlung bestand darin, Agnes aus dem Schulgebäude zu werfen. Seiner Ansicht nach verschwendete sie die eh schon knappe Luft zum Atmen in der völlig überfüllten Lehrstube.
»Vertu Deine Zeit mit Gebeten an den Lagern der Kranken oder sing Lieder für die Alten im Armenhaus. Wir können hier keinen Krüppel gebrauchen, der nicht einmal einen Griffel führen kann!«, hatte er sie angeraunzt.
Solch niederschmetternde Worte und Beschimpfungen waren in Agnes’ Leben an der Tagesordnung. Kalt ließen sie solche Worte nie, egal wie oft sie die Beleidigungen schon gehört hatte.

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( 978-1505990041 )

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