Waldesruh

Vor zehn Jahren als Mörder verurteilt kehrt Wolfgang Maurischat in sein so idyllisches Heimatdorf im Odenwald nahe Heiligkreuzsteinach zurück. Doch er hat nie gestanden, sondern beteuert bis heute seine Unschuld. Kaum ist er zu Hause, gibt es einen Mordanschlag auf seinen Vater. Wenig später verschwindet die kleine Anita, Tochter des Hauptbelastungszeugen seinerzeit im Prozess gegen Wolfgang Maurischat. Entführer fordern eine Million. Alf, ihr älterer Bruder, muss die Entführung beobachtet haben. Aber er ist nicht fähig zu sprechen. Doch er zeichnet: ein blutiges Schwert. Was will er damit sagen? Die Waldesruher bilden eine Mauer des Schweigens. Hauptkommissar Travniczek und seine Kollegen von der Mordkommission Heidelberg können sich nicht erklären, warum ihnen niemand helfen will. Nur ein anonymer Briefschreiber fleht um Hilfe: „Hier herrscht die Hölle! Schon seit Jahrzehnten.“ Was hat das mit dem Multimillionär Ansgar Schittenhelm zu tun, der in einer wie ein Hochsicherheitsgefängnis gesicherten Prachtvilla wohnt? Und welche Rolle spielt der kauzige Kunstmaler Pietro Mostacci? Doch dann machen die Ermittler eine furchtbare Entdeckung. Alles ist viel grausamer, als sie es sich je hätten vorstellen können. Sie sehen sich einem Verbrechen gegenüber, bei dem ihnen ihre jahrzehntelange Berufserfahrung nichts mehr nützt. Und die ganze Wahrheit erfahren sie erst, als eigentlich schon alles vorbei ist.

Schlagworte zum Buch: Heidelberg,Kindesmisshandlung,Gesellschaftskritik,Heidelbergkrimi,klavierspielenderKommissar,Travniczek

Aufrufe 150 | Genre Krimi | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 15+ | Website zum Buch Link

Taschenbuch

( 978-3-00-054981-6 )


Vor vielen Jahren

“Ich kann Ihnen keine Hoffnungen mehr machen“, hatte der Hausarzt gesagt. „Die kleine Agathe hat eine Lungenentzündung. Bei ihrer schwächlichen Konstitution bin ich mit meiner Kunst am Ende. Jetzt kann nur noch beten helfen.“
Seither waren drei Tage vergangen. Die Kleine hustete immer stärker. Das Fieber stieg und stieg. (...) Da wurde die Kleine noch einmal von einem besonders heftigen Hustenanfall geschüttelt – dann war sie plötzlich still.
Einen Moment saßen die Eltern wie gelähmt. (...) In drei Wochen wäre Agathe ein Jahr alt geworden.
(...) Als der Junge fort war, stand der Vater mit einem Ruck auf und verlieĂź das Haus, ohne noch ein Wort zu sagen.
Die Mutter sah ihm voller Angst nach, denn sie wusste, wie schnell er in schwierigen Situationen die Nerven verlor und dann unberechenbar sein konnte. Im Krieg hatte er eine schwere Kopfverletzung erlitten. Zwei Granatsplitter hatte man nicht entfernen können.
(...) Stunden später kam der Vater zurück. Laut schlug er die Wohnungstür zu und konnte sich nur schwer auf den Beinen halten. Er hatte getrunken, viel zu viel getrunken.
Als er ins Schlafzimmer kam und den Jungen sah, brüllte er los: „Du bist schuld! Du hast sie angesteckt! Du hast meine Kleine umgebracht!“
Er riss ihn aus dem Bett und gab ihm sofort einige Ohrfeigen, zog dann seinen GĂĽrtel aus der Hose und schlug damit wild auf ihn ein.
„Du bringst ihn noch um!“, schrie die Mutter in panischer Angst. Da ließ er von dem Jungen ab, stierte sie hasserfüllt an, um dann so lange wie besessen auf sie einzuschlagen, bis er erschöpft auf das Bett fiel und sofort einschlief.
Die kleine Agathe war auf den Boden gefallen. Sie lag vor dem Nachttisch auf dem Bauch und sah aus wie eine weggeworfene Puppe.
(...)
Mit einem dumpfen Schlag fiel die schwere EisentĂĽr hinter ihm ins Schloss.
Freiheit. Endlich. Nach zehn langen Jahren. Darüber hätte sich Wolfgang Maurischat eigentlich freuen müssen. (…)
Die jahrelange Eintönigkeit zwischen Zelle, Hofgang und Werkstatt erschien ihm im Rückblick wie eine Ewigkeit. Alles, was davor lag, war dunkel und unscharf.
Wie sah ein grüner Baum aus? Wie roch der Frühling? Wie hörte sich das pulsierende Leben in einer Fußgängerzone an?
Wie schmeckte eine Pizza? Wie fĂĽhlte sich die zarte Haut einer Frau an? Weg, alles weg. Nur Leere.(...)
Was wollte er eigentlich noch? Wollte er überhaupt noch etwas? War es nicht völlig egal, wohin er jetzt ging? Oder ob
er einfach sitzenblieb? Nichts mehr tun. Erfrieren tut nicht weh. Man schläft einfach nur ein.
Doch da spĂĽrte er seinen Hass. Der riss ihn aus dieser Lethargie. Er konnte doch nicht zulassen, dass die, die ihm sein
Leben kaputtgemacht hatten, einfach in Ruhe weitermachen konnten, als ob nie etwas passiert wäre. Die mussten dafür
bĂĽĂźen und er musste seine Unschuld unbedingt beweisen.
Er wollte also doch noch etwas.
Gerechtigkeit.
Und Rache.
DafĂĽr lohnte es sich noch zu leben.
(...)
Er öffnete die Mail. Was da stand, ließ seinen Atem stocken. Ein Alptraum. Als er es gelesen hatte, fiel er auf seinen Stuhl zurück und verbarg sein Gesicht in den Händen. In diesem Augenblick kam Brombach und erschrak.
„Was ist los?“
Travniczek konnte nicht antworten und deutete nur auf den Monitor. Auch Brombach war schockiert.
Dr. Melchior hatte dreiundzwanzig Knochenbrüche aufgelistet in fast allen Bereichen des Körpers, darunter auch einen schweren Schädelbruch. Einige waren schlecht verheilt, waren also nicht ordnungsgemäß behandelt worden. Ferner eine Operationsnarbe am Bauch, die aus der frühen Kindheit stammte. Hier war eine Darmruptur in Ordnung gebracht worden.
Weiter fanden sich äußerlich zahlreiche Narben, darunter auch Spuren von einer großflächigen Verbrühung im Genitalbereich. Der große Teil der Verletzungen stammte aus der Zeit vor Alfs zehntem Lebensjahr.
Fazit: Alf war von klein auf systematisch misshandelt worden. Dass er sich auch nur einen Teil dieser Verletzungen durch Unfälle zugezogen haben könnte, schloss Dr. Melchior definitiv aus.
Auch Brombach konnte nicht sprechen.
“Verstehst du das?”, fragte er dann irgendwann.
Travniczek antwortete nicht gleich. Dann sagte er: „Nein, … versteh ich nicht. … Wenn Melchiors Kompetenz nicht über jeden Zweifel erhaben wäre, würde ich glauben, er müsse bei der Untersuchung im Vollrausch gewesen sein.“
„Wie gehen wir weiter vor?
„Weiß ich nicht.“
(...)
Aber kann überhaupt etwas einen Menschen zu einem solchen Satan machen? Muss das nicht doch schon von Geburt angelegt sein? Muss es doch das Gen des Bösen geben? Darüber stritten sich ja die Gelehrten.
Wenn es dieses Gen nicht gab, hätten auch Hitler und Stalin gute Menschen werden können, wäre ihr frühes Umfeld anders gewesen.
Aber das konnte man auch umkehren. Wenn es dieses Gen nicht gab, dann könnte jeder zu einem Hitler werden.
Er auch.
Ihn schauderte.
War der Mensch einfach ein Irrläufer der Evolution?
Aber es gab auch einen Johann Sebastian Bach.
Von fern glaubte er, Musik zu hören.

Taschenbuch

( 978-3-00-054981-6 )