Wie ein Siegel auf dein Herz Teil 1

Als der Medicus Nael erfährt, dass sich seine große Liebe Roana mit einem anderen Mann vermählt hat, verliert sein Leben für ihn jeden Sinn. Absichtlich bringt er sich in tödliche Gefahr. Im letzten Moment wird er von einer geheimnisvollen Fremden gerettet, die ihm fortan nicht mehr aus dem Kopf geht. Auch Ravena entwickelt bald schon tiefe Gefühle für den Medicus. Doch Nael ist nicht, was er zu sein scheint. Die Schatten seiner Vergangenheit drohen jeden zu vernichten, der sich mit ihm einlässt…

Schlagworte zum Buch: Medikus,Mittelalter,Liebe

Aufrufe 133 | Genre Historischer Roman | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 16+

Taschenbuch

( 978-3741806520 )

Kapitel 1
Improbe amor, quid non mortalia pectora cogis
Er verlor langsam den Verstand. Ja, das musste es sein. Wie sonst ließ sich erklären, dass es ständig dieses quälende was - wäre - wenn im Kopf hatte. Das ertrug er nicht länger. Wie so oft in den letzten Wochen wünschte er sich, ihr nie begegnet zu sein.
Allein der Duft ihrer Haut schoss ihm wie ein Aphrodisiakum ins Hirn und wenn er gar den Fehler beging, an den Kuss zu denken, verschlug es ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Atem …
Wobei dieser Kuss schon vier Wochen zurücklag. Vier endlose Wochen, in denen er das Gefühl gehabt hatte, über loses Geröll zu laufen, das ihn unaufhaltsam auf einen Abgrund zu trug. Sie wollte ihn nicht.
Nicht das Nael normalerweise Schwierigkeiten mit Frauen hatte. Im Gegenteil. Frauen mochten ihn. Wo immer er auftauchte, mangelte es ihm nicht an weiblicher Gesellschaft. Aber er musste sich ausgerechnet in Roana von Morra verlieben, die einzige Frau, die absolut nichts von ihm wissen wollte. Zu einer anderen Zeit hätte er vielleicht über die absurde Situation lachen können – aber im Augenblick fühlte er sich einfach nur miserabel.
Aus zusammengekniffenen Augen spähte er in seinen Weinkrug. Beinahe leer.
Na wunderbar. Selbst sein Körper betrog ihn. Bei der Menge an Wein, die er an diesem Abend schon getrunken hatte, hätte er längst in einem Stadium seliger Bewusstlosigkeit sein müssen. Wie die meisten seiner Versuche, Roana aus seinem Ge-dächtnis zu löschen, war auch dieser gescheitert.
Aber unbelehrbarer Dummkopf, der er war, würde er trotzdem nicht aufhören, den Wein des Herrn von Segeste in sich hineinzuschütten. Vielleicht gelang es ja schierer Erschöpfung, ihn für eine Weile Vergessen finden zu lassen.
Nael hob den Weinkrug, um sich seinen Becher zu füllen, aber nach einem Blick auf den mageren Rest befand er, dass sich der Aufwand nicht lohnte. Stattdessen setzte er den Krug an und nahm einen tiefen Schluck.
Er saß auf einer Steinmauer, hoch oben auf dem Wehrgang der Burg Segeste. Mit dem Rücken lehnte er gegen die raue Wand des Turmes, den rechten Fuß auf die gegenüberliegende Zinne gestützt, während sein linkes Bein über die Brüstung hing und von der Nacht verschluckt zu werden schien. Er ließ seinen Blick über die mondbeschienene Landschaft schweifen, die Felder und Weinberge, welche die Burg Segeste umgaben. Wie lange saß er jetzt schon hier?
Wie üblich hatte sein Versuch zu vergessen kurz nach Sonnenuntergang begonnen. Bier, Wein – jedes Gift war ihm recht, wenn es nur dazu geeignet war, sein Denkvermögen auszuschalten. Kämpfen war ebenfalls nützlich, falls jemand dumm genug war, ihm in die Quere zu kommen. Ihn störten die Verletzungen nicht besonders, die er sich dabei einhandelte, aber sein Halbbruder Rafael geriet jedes Mal ziemlich aus der Fassung, wenn er zerschlagen und blutig in sein Quartier zurückkehrte.
Mit einem gleichgültigen Blick musterte Nael seine Hände, die sich kreuzenden roten Linien auf seinen Handrücken. Erinnerungen an eine wüste Schlägerei, in die er vor zwei Tagen verwickelt worden war. Einige der Striemen begannen zu verschorfen, andere dagegen waren noch so roh, dass sie bei der geringsten Bewegung erneut anfingen, zu bluten. Messer, Scherben eines zerbrochenen Bechers - er wusste nicht einmal, was genau die Schnitte verursacht hatte. Er spürte weder Bedauern noch das Bedürfnis, die Wunden zu versorgen – all dies hätte Nael der Arzt fühlen sollen - aber Nael den Mann ließen die Verletzungen völlig kalt.
Und er war darüber nicht einmal sehr er-schrocken. Alles, was er spürte, war eine tiefe Niedergeschlagenheit, eine mit Hilflosigkeit gepaarte Wut, die durch die mitleidigen Blicke seines Bruders noch geschürt wurde. Das Trinken, das Kämpfen - Rafael hatte es als das erkannt, was es war: ein billiger Trick, um ihn von dem großen schwarzen Loch in seinem Herzen abzulenken. Nael stieß ein grimmiges Schnauben aus. Unglücklicherweise hatte das Loch die Form von Roana und nichts anderes als Roana passte dort hinein. Er war sich so sicher gewesen, dass sie ihn, Nael, seinem wilden und gefährlichen Halbbruder Rafael vorziehen würde. Himmel, größer hätte sein Irrtum gar nicht sein können!
Für Roana hatte er sich selbst Daumenschrauben angelegt, war zurückhaltend gewesen und geduldig, während er sie mit allem Respekt umworben hatte, der einer Edeldame zustand. Vielleicht hätte er ihr besser erzählen sollen, dass auf seinen Kopf ein Preis ausgesetzt war. Dass er eine schwangere Frau getötet hatte. Eine Frau, die er niemals hätte anrühren dürfen, weil er für Fälle wie den ihren gar nicht ausgebildet war. Aber er war jung gewesen und von sich selbst eingenommen, stolz auf sein an der Universität von Salerno erworbenes Wissen.
Bevor er die Lektion des Scheiterns gelernt hatte. Er sah immer noch den entsetzten Blick der Frau, als sie begriff, dass es mit ihr zu Ende ging. Er sah es an jedem neuen Morgen, in welchem Bett und in welchem Zustand er auch erwachte.

Taschenbuch

( 978-3741806520 )