Johannas Geheimnis

Kapitel 1

Wie jeden Morgen schlich sich Johanna die knarrenden Stufen zur K├╝che hinunter. Es war kalt im Haus und die nackte Gl├╝hbirne im Flur flackerte unruhig. Eigentlich war es ohnehin noch viel zu fr├╝h am Morgen. Doch das, was Sie dann sah, konnte nicht sein. Es durfte nicht sein. Johanna blieb wie angewurzelt auf den letzten Stufen stehen. Sie starrte auf die dreckigen Schuhe, von denen sie genau wusste, wem sie geh├Ârten und das sie hier nicht sein durften. Es waren die Schuhe ihres j├Ąhzornigen Vaters.

Was sollte sie jetzt tun?
Instinktiv schob ihr Fu├č sich eine Stufe h├Âher, einfach r├╝ckw├Ąrts, doch das Knarren des Holzes lie├č sie wieder inne halten. Was sollte sie jetzt tun? Warum war er hier? Aus der K├╝che ert├Ânte das Pfeifen des Wasserkessels. Erschrocken zuckte sie zusammen. Eines wusste sie genau: Sie musste hier weg und zwar schnell! Einfach nur weg, raus aus diesem Haus. Doch wo sollte sie hin? Panisch durchdachte sie ihre M├Âglichkeiten, doch keiner der Gedanken lie├č sich wirklich fassen - und dann h├Ârte sie ihn auch schon. Jetzt war es zu sp├Ąt. Ein markersch├╝tternder Schrei ihrer Mutter lie├č sie zusammenfahren. Schei├če! Von weitem h├Ârte sie ihren Vater lachen. Es gab kein Halten mehr. Johanna musste etwas tun. Sie konnte ihre Mutter nicht einfach allein lassen. Sie war kein kleines Kind mehr, dass sich unter seiner Bettdecke verkroch. Sie straffte die Schultern und atmete tief durch. Der Gedanke, nach oben in ihr Zimmer zu rennen, sich unter die Bettdecke zu verkriechen, hatte weder Zeit noch Gelegenheit, sich in ihrem Hirn festzusetzen, denn jetzt erwachte ihr Kampfgeist. Auf Zehenspitzen schlich sie den Flur entlang und um die Ecke. Und dort stand er. Ihr Vater. Fast ein wenig sp├Âttisch war sein Blick, als habe er ihre Gedanken und ihr Vorhaben still erkannt und langsam verschr├Ąnkte er die Arme vor der Brust. Er sah noch genauso aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Stechender Blick aus dunklen Augen, dunkles Haar und ein K├Ârper, den man nur als bullig bezeichnen konnte. "Was tust du denn hier?", fragte er. "Solltest du nicht auf der Uni sein?" Seine Stimme klang tief und grollend wie der ferne Donner eines Sommergewitters und es lag bereits jetzt eine Spur Agression in ihr. Sie wollte unliebsame Erinnerungen in Johanna wecken, doch sie schob sie gewaltsam zur Seite."Das h├Ąttest du wohl gerne. Damit du mit Mama machen kannst, was du willst. Aber das ist jetzt vorbei." Erstaunt ├╝ber ihre harten Worte der Gegenwehr starrte er sie einen Moment lang an, dann winkte er ab. "Wohl das Kraftfutter deines Hamsters gefr├╝hst├╝ckt?" "Das was???" W├╝tend ballte Johanna die H├Ąnde zu F├Ąuste und ging einen Schritt auf ihren Vater zu. Das Erstaunen kehrte in seinen Blick zur├╝ck. "Schluss jetzt! Geh aus dem Weg, ich will zu deiner Mutter!" "Nur ├╝ber meine Leiche, du Bastard." Rief ihm Johanna entgegen und machte sich bereit, den ersten Schalg einzustecken. Er l├Ąchelte noch immer sp├Âttisch und etwas blitzte in seinen Augen auf, etwas, was sie nicht direkt einordnen konnte. Zu ihrer ├ťberraschung packte ihr Vater sie nur an der Schulter und wollte sie beiseite schieben. Aber sie war nicht mehr das kleine M├Ądchen, das sich herumschubsen lie├č. Kraftfutter ihres Hamster ... der w├╝rde sich noch wundern. Mit einem Karatekick, den sie im Selbstverteidigungskurs gelernt hatte, trat sie ihm gekonnt zwischen die Beine. Er kr├╝mmte sich vor Schmerzen und sackte taumelnd zu Boden. Ihm entwich ein entsetztes "Uuhh". Fr├╝her h├Ątte sie nie die Hand gegen ihren Vater erhoben, aber das war vorbei. Er war f├╝r sie nicht l├Ąnger das, was man Papa nannte. "Na?", sagte Johanna h├Âhnisch. "Wer braucht jetzt Kraftfutter?" "Na warte, du ..." M├╝hsam erhob sich der Mann wieder. Der Zorn hatte sein Gesicht ger├Âtet und vor Wut - oder vor Schmerz - knirschte er mit den Z├Ąhnen. Sie gab keine Antwort, sondern riss ihr Bein ein zweites Mal hoch. Dieses Mal traf sie ihn im Gesicht und er fiel nach hinten um, wo er bewusstlos liegen blieb. Das war ihre Chance! Sie drehte sich zu ihrer Mutter um, packte sie am ├ärmel und rief: "Komm, wir m├╝ssen los!" Ihre Mama hatte ├Ąngstlich zu ihrem Mann geschaut. Jetzt blickte sie v├Âllig verbl├╝fft Johanna an. Sie stand wie erstarrt. "Wohin?", murmelte sie v├Âllig ├╝berfordert. Pl├Âtzlich ging eine Ver├Ąnderung mit ihr vor. Hass verzerrte ihre Z├╝ge und ihr K├Ârper straffte sich. Sie trat entschlossen vor und stellte ihren Schuh auf die Kehle ihres Mannes. "Sag mir, wo es ist. Sofort." "Was machst du da, Mama?", rief Johanna. "Lass ihn liegen. Nicht, dass er noch aufwacht." Panisch vor Angst hetzte sie die wenigen Schritte bis zu Haust├╝r und wollte sie aufrei├čen und einfach nur rennen, einfach nur weg, aber die T├╝r war abgeschlossen. Hastig griff sie nach ihrer Jacke um den Schl├╝ssel heraus zu holen. "Wo ist es?", h├Ârte sie ihre Mutter wiederholen. Was war nur in diese Frau gefahren? Wieso kam sie nicht mit Johanna mit? Sie hatte keine Chance gegen ihren Mann, wenn er wieder zu Bewusstsein kam. Doch das schien sie nicht im geringsten zu beeindrucken. "Mama", fl├╝terte Johanna und klimperte nerv├Âs mit dem Schl├╝ssel in ihrer Hand. "Wir m├╝ssen es wissen, Kind", rief ihre Mutter und drehte sich zu ihr um. "Wir m├╝ssen es finden." "Verdammt, Mama! Wovon zum Teufel redest du? Sobald er aufwacht, sind wir beide nicht mehr sicher. Wir m├╝ssen hier weg. Haben wir nicht beide viel zu viele Jahre vor ihm stillgehalten?" "Ich gehe nirgends wohin, ehe ich nicht wei├č wo dieser verdammte Mistkerl es versteckt hat!" schluchzte ihre Mutter und wischte sich eine Tr├Ąne aus dem Gesicht. "Wovon redest du denn nur? Mama? Was ist los mit dir? Sag es mir. Wir m├╝ssen verschwinden!" "Ich kann nicht. Versteh das doch", schluchzte ihre Mutter weiter. Johanna hatte genug. Wenn diese Frau in ihr Verderben rennen wollte, dann sollte sie das eben tun. Johanna war nicht so dumm. "Komm mit mir oder bleib hier und lass dich wieder schlagen, wenn der Mistkerl aufwacht. Ich warte nicht so lange, ich hau ab!" Gesagt getan. Mit zitternden H├Ąnden steckte sie den Schl├╝ssel ins Schloss und ├Âffnete die T├╝r. Hinter ihr st├Âhnte der Mann am Boden, der ihr Vater war. Er regte sich und packte pl├Âtzlich den Arm ihrer Mutter. "Du wirst es nie finden. Nicht, solange ich lebe." In dem Moment packte Johanna ihre Mutter am Arm, zog sie aus dem Haus heraus und die beiden eilten die Stra├če hinunter. Als w├╝rde sie aus einer Trance erwachen, blieb Johannas Mutter pl├Âtzlich stehen, grub ihre F├╝├če fest in den Boden und blickte ihre Tochter an. "Und wohin gehen wir?" "Erst einmal weg von hier und weg von IHM." "Er wird uns verfolgen, das ist dir doch klar, oder? Er wird nicht ruhen, bis er sicher sein kann, dass wir es nicht finden. Und das kann er nur, wenn wir tot sind." "Ich wei├č noch immer nicht, was du meinst. Was sollen wir nicht finden? Aber vieleicht w├Ąre es besser, wenn ER tot w├Ąre ..." "Das K├Ąstchen", antwortete Johannas Mutter. "Erinnerst du dich denn nicht? Das K├Ąstchen, das deiner Gro├čmutter gehrt hat und davor ihrer Gro├čmutter. Das K├Ąstchen, mit dem alles begann." "Das von Uroma Siegrud? Ich war noch klein, als du es mir gezeigt hast ...", erwiderte Johanna nachdenklich. "Deine Uroma war keine normale Frau Johanna." Johanna stockte der Atem. Sie hatte shcon immer gewusst, dass da etwas war. Etwas, wor├╝ber nicht geredet wurde in ihrer Familie. Etwas wichtiges. Ein Geheimnis. Wie auch immer. Mitten auf der Stra├če, ohne zu wissen, ob er ihnen vielleicht nachlief, war nicht der richtige Ort f├╝r derlei Geschichten. Sie brauchten einen Plan und vor allem, einen sicheren Ort. Trotzdem musste sie diese eine Frage noch stellen: "Was war sie dann, wenn sie keine normale Frau war?" Ihre Mutter verzog schmerzhaft das Gesicht und f├╝r einen Augenblick verlor sich ihr Blick ins Nichts. "Sie war eine Seherin." "Seherin?" fragte Johanna erstaunt. Was war eine Seherin? Spinnte Mama nun komplett? "Ja", antwortete ihre Mutter und begann, auf dem Gehweg entlang zu laufen. Johanna hatte M├╝he, mit ihr Schritt zu halten. "Sie konnte Dinge sehen." "Wir k├Ânnen uns sp├Ąter noch dar├╝ber unterhalten. Lass uns jetzt erst einmal ├╝berlegen wo wir die n├Ąchste Zeit unterkommen wollen. Zur├╝ck k├Ânnen wir ja nun nicht mehr." Johanna drehte sich noch einmal herum und schaute auf ihr Zuhause zur├╝ck. Alles in Ordnung, er folgte ihnen nicht. Sie ging schneller. "Wir werden zu Onkel Heiko gehen. Der kann uns sicher weiter helfen. Er hat Waffen zuhause. Und er hat gerlernt sie zu benutzen." "Einverstanden!" gab Ihre Mutter entschlossen zur├╝ck. Doch da war noch etwas anderes in ihren Augen, als Johanna den Bruder ihres Mannes erw├Ąhnte, etwas, was nicht wirklich ersichtlich war und Johanna glaubte schlicht, sich geirrt zu haben.