Johannas Geheimnis

Kapitel 2

Als Johanna am nĂ€chsten Morgen im Haus ihres Onkels erwachte, kitzelte sie der Duft von frisch gebrĂŒhtem Kaffee in der Nase. Sie streckte sich und schĂŒttelte den Kopf ĂŒber den wirren Traum, den sie hatte, von ihrem Vater und einer Flucht und einer Seherin, die ihre Oma gewesen sein soll. Diesen Traum hatte sie in den letzten Wochen mehr als einmal getrĂ€umt, doch immer wenn sie ihre Tante oder ihren Onkel auf ihre Eltern ansprach, erntete sie nur ein stummes Schweigen. "Ich weiss auch nichts", hob jedesmal ihr Cousin Simon die Schultern, wenn ihr Blick danach auf ihn fiel und sie konnte nicht anders - wenn sie auch Onkel und Tante nicht glaubte, ihm glaubte sie. "Kommst Du Johanna?" rief Tante Agatha von unten. Sie schwang die Beine aus dem Bett und setzte sich auf, doch just, als ihr Fuß den Boden berĂŒhrte, zuckte sie zusammen. Er schmerzte sie. Warum schmerzte ihr Fuß? Sie hob ihren Fuss und betrachtete ihre Fusssohle. Eine kleine Glasscherbe saß in der Ferse. Vorsichtig zog sie sie heraus. Da war kein Blut am Glas. In diesem Moment öffnete sich die TĂŒr und Tante Agatha stand vor ihr. "Johanna, was ist denn nur ... oh. Was ist passiert?" Verwirrt starrte Johanna abwechseln ihren Fuß und ihre Tante an. Woher kam diese Glasscherbe und warum war da kein Blut, der Schnitt war doch so tief! "Äh. Nichts weiter. Mir ist ein Wasserglas heruntergefallen. Ich habe Kaffee gerochen. Gibt es FrĂŒhstĂŒck? Ich verhungere", strahlte sie ihre Tante an. "Eine Frage meine HĂŒbsche." Ihre Tante sah sie sorgenvoll an. "Hast Du gestern Abend die TerrassentĂŒr offen gelassen?" Johanna legte den Kopf schrĂ€g und betrachtete die kleine Scherbe in ihrer Hand. "Ich weiß es nicht", antwortete sie und zog die Nase nachdenklich kraus. “Nein, da bin ich ganz sicher“, sagte die HĂŒbsche und dachte Zweifelte aber selbst. Sie blickte auf den Wecker der auf ihrem Nachttisch stand. Irgendwie hatte sie ein mulmiges GefĂŒhl im Bauch, irgendetwas stimmte hier nicht. Just in selber Sekunde begannen die Zeiger ihres Weckers rĂŒckwĂ€rts zu laufen. Erschrocken sprang Johanna auf. Doch als sie wieder zum Wecker blickte, war alles wieder ganz normal. Sie verstand nur Bahnhof. Drehte sie jetzt komplett durch? Ihre Tante hatte die Szene stirnrunzelnd beobachtet, doch als Johanna sich zu ihr umdrehte, senkte sie schnell ihren Blick. Wenn das so weiter ging mussten sie die Dosis erhöhen. Johanna konnte diesen Gedanken regelrecht an ihrer Tante lesen, auch wenn diese sie nicht ansah. NormalitĂ€t, das war alles, was sie nun brauchte. "FrĂŒhstĂŒck?" "Gerne! - Ich komme gleich runter." versicherte Johanna. Sie duschte, zog sich neue Klamotten an, sie hatte nur wenige bei ihrer Tante im Schrank, und ging nachdenklich nach unten. Mit ihren sechzehn Jahren hatte sie gerade die Schule beendet und sich anschließend fĂŒr ein Studium der Biochemie entschieden. Aber bis das Semester begann, dauerte es noch zwei Wochen. Zeit, in der sie herausfinden musste, was fĂŒr ein Geheimnis ihre Familie umgab. Tante Agatha und Onkel Heiko hatten ein kleines HĂ€uschen in Heidelberg und freuten sich sehr, als sie ihnen mitteilte dort studieren zu wollen. Doch diese seltsamen TrĂ€ume hatten ihr die ganze Vorfreude genommen. Sie wachte jeden Morgen gerĂ€tert auf und fand sich fast nicht mehr in der RealitĂ€t zurecht. Das war nicht normal. Wenn sich das nicht bald Ă€ndern wĂŒrde, mĂŒsste sie am Ende noch einen Psychiater aufsuchen. Sie sah ihn schon vor sich. Dr. Weinbrandt. Wie er mit seinem Kulli an seine Lippen tippte und ĂŒber das nachdachte, was sie ihm wieder erzĂ€hlte und, ob die Dosis noch passte. Sie hasste das. "Sag mal - trĂ€umst Du?" fragte sie Tante Agatha, als sie Johanna so gedankenversunken am FrĂŒhstĂŒckstisch sitzen sah. "Ich habe nur nachgedacht." Johanna nahm sich ein FrĂŒhstĂŒcksei und begann es zu pellen. "Meinst du, ich bin wieder Schlafgewandelt, weil die TerassentĂŒr offen war?" Tante Agatha streichelte ihrer Nichte ĂŒber das Haar. "Ach meine hĂŒbsche, kleine Johanna. Vielleicht solltest Du spĂ€ter mal bei Dr. Weinbrandt vorbei schauen?" Johanna schaffte es fast nicht, das Ei hinunterzuschlucken. Selbst ihre Tante merkte, dass sie so langsam reif fĂŒr die Klapse war. Onkel Heiko warf ihr einen verstĂ€ndnisvollen Blick zu und zwinkerte: "Lust auf einen Sparziergang am Neckar entlang?" "Oh Ja. Wir können Timmy mitnehmen. Der freut sich bestimmt auch." Das war die Gelegenheit, ihren Onkel mal auf den Zahn zu fĂŒhlen. Bereitwillig sagte Johanna zu. Heiko sprang auf und holte die Leine. Sobald Timmy das merkte sprang er auf und lief schwanzwedelnd zur TĂŒr. Als sie noch einmal nach oben ging, schaute Onkel Heiko seine Frau scharf an. "Wie lange wollt ihr das Spiel denn noch treiben? Sie dreht ja bald durch!" "Was soll ich denn noch machen? Ihre FĂ€higkeiten treten gerade zu Tage. Und du weißt genau, dass es gefĂ€hrlich wird, wenn sie dahinter kommt und sie tatsĂ€chlich benutzt." "Johanna ist doch kein böser Mensch Agatha. Also sagt es ihr endlich. Sonst passiert noch ein UnglĂŒck. Willst Du das?" harschte Onkel Heiko seine Frau an. Johanna unterbrach das GesprĂ€ch, als sie polternd die Treppe herunter kam. Sie hatte sich eine warme MĂŒtze, feste Schuhe und die Regenjacke angezogen. "Ich warne Dich Agatha, wenn ihr es nicht bald tut, dann werde ich es tun." drohte er seiner Frau, griff nach seiner Jacke und ging zur TĂŒr. "Was tut?", fragte Johanna und sah sich besorgt in der Runde um. "Äh nichts weiter, komm, lass uns gehen." Sie gingen nach draußen, doch Johanna lies nicht locker. "Was tut Onkel Heiko?" "Ach weißt du, Johanna ..." Der immer etwas vorgebeugt gehende Mann mit den jung gebliebenen Augen sah seine Nichte nachdenklich an. "Ich bin wirklich der Falsche, um mit dir darĂŒber zu reden. Das sollte deine Tante tun." Johanna hakte sich bei ihm unter und legte den Kopf an seinen Oberarm. Verschmitzt grinste sie ihren Onkel an. "Onkelchen, du bist immer mein Lieblingsonkel gewesen ...", begann sie die Schmeichelei. In dem Moment kam ihnen ein junger, hĂŒbscher Mann mit blauen Augen und dunklen Haaren entgegen, den Johanna nur all zu gut kannte. "Max?" Erstaunt sah Johanna dem Jogger entgegen. "Was machst du denn hier?" Der junge Mann zwinkerte ihr verfĂŒhrerisch zu. "Nach was sieht es denn aus?" warf er ihr keck herĂŒber und grinste frech. Max war in Johannas Alter und sehr sportlich und muskulös. Immer wenn sie ihn sah, klopfte ihr Herz schneller und ihre HandflĂ€chen wurden feucht. Mindestens tausendmal hatte sie sich schon vorgestellt wie es wohl sein musste seine muskulösen, weichen HĂ€nde ĂŒber ihren Körper gleiten zu spĂŒren. Johanna riss sich zusammen. Hatte sie denn alle Manieren vergessen? "Max, das ist mein Onkel Heiko." Ihr Blick ging automatisch zurĂŒck zu Max. Der Schweiß auf seiner Stirn machte ihn noch erotischer und die langen, fĂŒr einen Jungen untypischen Wimpern hatten sie schon immer schwach gemacht. Wie schaffte es dieser Kerl nur immer sie so aus der Fassung zu bringen? "Nett Sie kennen zu lernen", antwortete Max und streckte Heiko seine Hand hin. "Ihre Nichte ist ein ganz besonderer Mensch." Er wusste gar nicht wie recht er mit diesem Satz hatte. "Das ist wohl wahr", murmelte Heiko, wie zu sich selbst. "Wie siehts aus Prinzessin? Bist Du heute Abend auf Stefans Party in der alten Villa? Seine Eltern sind ĂŒbers Wochenende in ihr Ferienhaus gefahren." Johanna konnte es kaum fassen. Max lud ie auf eine Party ein. Wie lange hatte sie schon davon getrĂ€umt und nie gedacht, dass es einmal wahr werden könnte. "Ähhh..." Johanna musste sich irgendwie sammeln. Sie konnte doch nicht so uncool herumdrucksen. Nicht vor Max. Nicht jetzt. Sie musste sich zusammenreißen! Johanna schluckte. "Ich hole Dich heute um 8 Uhr ab." mit diesem Satz setzte sich Max wieder in Bewegung und joggte weiter. Johanna grinnste ihm hinterher. Stefans Partys waren legendĂ€r. Mindestens die HĂ€lfte ihrer ehemaligen Klassenkameradinnen hatte auf einer dieser Partys ihre JungfrĂ€ulichkeit verloren. Johanna mochte Max sehr und wĂŒnschte sich nichts sehnlicher, als dass Max der erste Mann fĂŒr sie sein wĂŒrde. Aber w ar sie auch bereit dazu? Könnte sie dieses wichtige Ereignis einem Mann wie Max anvertrauen? Doch ihre Freude fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen, als ihr Onkel mit sĂŒffisantem Unterton in der Stimme sagte:„Du wirst nicht zur Party gehen.“ Johanna blickte ihn entrĂŒstet an. „Wieso nicht?“ "In deinem Zustand ist es dort nicht sicher fĂŒr dich." „Ich werde mich schon nicht in eine Furie verwandeln. Bitte, Onkel Heiko, ich brauch das.“„Sex, Drogen, Alkohol? Geschweige denn die K.-o.-Tropfen, die man dir dann verabreicht?!“ Weshalb mussten ihr sĂ€mtliche Familienmitglieder eigentlich andauernd Steine in den Weg legen? "Es ist doch nur eine Party. Millionen Menschen nehmen an Partys teil. Und Max ist in Ordnung." Ihr Onkel hielt im Gehen inne. „Ich sagte Nein!“ „Na gut, wenn du meinst 
“ Sie wusste, dass es nichts bringen wĂŒrde, mit ihm darĂŒber zu diskutieren. Doch sie war fest entschlossen, sie wĂŒrde gehen! Dann musste sie eben andere Methoden finden. Inoffizieller Natur, wenn es sein musste. Plötzlich kam ihr der Gedanke, wieso Onkel Heiko mit ihr spazieren gehen wollte? Sie wechselte das Thema. „Hast du mir etwas zu sagen? Irgendwie habe ich das GefĂŒhl, dass du mir etwas verheimlichst." Er sah sie ertappt an. "Eigentlich bin nicht ich es der dir etwas zu sagen hat." „Was soll das heißen“, fragte Johanna irritiert. "Du solltest mit deiner Tante reden." Was er wohl damit meinte? Ihn mit weiteren Fragen zu durchlöchern, wĂŒrde wahrscheinlich nichts bringen. Vielleicht sollte sie wirklich mit ihrer Tante reden. "Und wiesso nicht mit dir?", fragte sie trotzdem. Ihr Onkel druckste herum. „Jetzt sag schon, was hier eigentlich los ist?! Meinst du, dass ich das nicht mitbekomme, dass ihr hinter meinem RĂŒcken lĂ€stert?! Rede! Was stimmt mit mir nicht?!“ "Du bist anders. Wie alle Frauen in unserer Familie. Deshalb habe ich auch gesagt, du sollst mit deiner Tante reden. Sie kann dir helfen, es zu verstehen." „Ja, ich weiß, dass ich verrĂŒckt bin. Ich nehme ja nicht umsonst diese blöden Medikamente und suche Dr. Weinbrandt auf.“ „Du bist nicht verrĂŒckt“, sagte Onkel Heikn. Ihr wurde plötzlich mulmig zumute. "Nicht?", stammelte sie. "Nein!" bestĂ€tigte er. Tief in ihrem Inneren spĂŒrte sie eine enorme Erleichterung. Endlich sagte jemand, dass sie nicht verrĂŒckt sei. Sie konnte nicht anders, als ihren Onkel zu umarmen und ihn ganz fest an sich zu drĂŒcken. "Danke Onkel Keiko. Das habe ich jetzt wirklich gebraucht. Ich habe schon an meinem eigenen Verstand gezwiefelt." „Keiko?“, fragte ihr Onkel belustigt. Plötzlich fingen sie an lachen, so laut, dass andere SpaziergĂ€nger sie komisch ansahen. Anschließend gingen sie weiter und genossen den Spaziergang am Neckar. Johanna warf hin und wieder ein Stöckchen, dass Timmy eifrig zu ihnen zurĂŒck brachte. Alles wirkte so friedlich und harmonisch, dass Johanna fast vergaß, was eigentlich schief lief in ihrem Leben. Als sie wieder daheim waren, schlĂŒrfte Timmy aus seiner WasserschĂŒssel. Das Herumtollen hatte ihn durstig gemacht. „Und, wie war der Spaziergang?“, fragte Tante Agatha. "Wir mĂŒssen reden Tante Agatha!" "Hat dir dein Onkel wieder Flöhe ins Ohr gesetzt?" Johanna ging nicht auf ihre Frage ein. Sie wollte endlich Tacheles reden. „Tante, kann ich mit dir unter vier Augen sprechen? Es ist sehr wichtig.“ "Also gut..." gab die Tante nach. Johanna packte sie am Ärmel und zog sie hinter sich die Treppe nach oben in ihr eigenes Zimmer. Dort angekommen drĂŒckte sie ihre Tante auf die Bettkannte und setzte sich neben sie. "Setz Dich lieber hin Johanna..." und nun begann Tante Agatha endlich an zu erzĂ€hlen...