Johannas Geheimnis

Kapitel 6

Es war Sonntag Nachmittag. Johanna sa√ü in ihrem Zimmer und weinte. Man war das peinlich gestern Abend. Max w√ľrde sie jetzt bestimmt nicht mehr kontaktieren, war sich Johanna sicher. Ihre Gef√ľhle brachen sich Bahn; sie weinte hemmungslos in ihr Kissen hinein. Denn sie liebte Max abg√∂ttisch. Er sah ja auch so toll aus. Und sie w√§re ihm wirklich gerne n√§her gekommen. Aber ihre doofe Tante hatte alles kaputt gemacht. W√§re doch blo√ü ihre Mutter noch am Leben. Dann w√§re alles viel leichter. Sie vermisste sie sehr. Wieso hatte sie ihr nichts von dem Familiengeheimnis erz√§hlt? Pl√∂tzlich fiel ihr der seltsame Traum wieder ein. Das K√§stchen! Sie erinnerte sich wieder. Sie musste es finden. Zumindest sagte ihr das ihre innere Stimme. Dieser Traum war einfach zu real gewesen. Und au√üerdem war sie doch eine Hexe und Seherin. Was also, wenn es das K√§stchen tats√§chlich gab? Johanna setzte alles daran, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ihre Tante wusste sicherlich mehr dar√ľber. Sie wischte sich die Tr√§nen aus den Augen, sprang aus dem Bett und verlie√ü das Zimmer. Voller Aufregung sprang sie die Stufen hinunter zur K√ľche und √ľbersah dabei versehentlich Timmys Pfote. Der Golden Retriever wollte gerade im Flur ein Nickerchen halten, jaulte nun aber vor Schmerzen auf. "Das tut mir sehr leid, das wollte ich nicht", entschuldigte sie sich bei ihm und t√§tschelte liebevoll seinen Kopf. Danach ging sie nach unten. Timmy trottete ihr hinterher und stupste sie am Oberschenkel. Sie b√ľckte sich zu ihm und kraulte liebevoll seinen Kopf. Da sah sie einen kleinen, goldenen Schl√ľssel an seinem Halsband baumeln. "Seltsam", dachte sie. Wieso war ihr der Schl√ľssel nicht fr√ľher aufgefallen? Als sie ihn ber√ľhrte, sah sie pl√∂tzlich vor ihrem geistigen Auge das K√§stchen. Es musste zu dem K√§stchen geh√∂ren! Vielleicht konnte Timmy sie zu dem K√§stchen f√ľhren? Ja, vielleicht wusste er wo es zu finden war? Als wenn er ihre Gedanken gelesen h√§tte, lief er die Treppen hinauf. Johanna verstand sofort, dass sie ihm folgen sollte. Neugierig geworden ging sie ihm nach. Sie standen vor der alten Holzt√ľre die in den Dachboden f√ľhrte. Vorsichtig dr√ľckte sie die T√ľrklinke nach unten und √∂ffnete die quietschende T√ľr. Der Staub in der Luft wirkte durch das einfallende Licht wie glitzernde kleine Sternchen, die vor ihrer Nase herum tanzten. Es roch nach altem Holz. Sie trat vorsichtig einen Schritt hinein. Die alten Dielen knarzten unter ihren F√ľssen. Ein alter Spiegel lehnte an der Wand. Er war nur zur H√§lfte mit einem wei√üen Laken bedeckt. Ein paar alte Stiefel standen daneben. Johanna trat die Stiefel zur Seite, ging hin√ľber zum Spiegel und nahm das Laken ab. Der Spiegel hatte einen wundersch√∂nen Rahmen mit Schn√∂rkeln und stand auf einem kleinen Schminktisch. Johanna tastete mit ihren H√§nden den Rahmen entlang. Lie√ü ihre Finger √ľber die Tischplatte gleiten. Da bemerkte sie zwei Schubladen unter der Tischplatte. Neugierig √∂ffnete sie die unterste Schublade ‚Äď nichts. Auch in der obersten herrschte g√§hnende Leere. Johanna seufzte. Nun bemerkte sie aus dem Augenwinkel ein seltsames Leuchten. Es kam vom Spiegel! Wie hypnotisiert schreckte sie ihre rechte Hand Richtung des Spiegelglases, immer weiter, mitten in das gelbe Licht hinein und hindurch. Konnte das m√∂glich sein? Und erst jetzt sah sie, dass sich im Spiegelbild der oberen ge√∂ffneten Schublade etwas Quadratisches befand. Sie tauchte ihre Hand in das Spiegelglas hinein, ergriff den Gegenstand und zog ihn heraus. Tatsache! Es war ein schwarzes K√§stchen mit goldenen Verzierungen. Vorne befand sich ein kleines Schloss. Vorsichtig stellte sie das Objekt auf den Schminktisch. Schnell griff sie in ihre Hosentasche und f√∂rderte den kleinen Schl√ľssel zutage, den sie Timmy vor Kurzem abgenommen hatte. Ein knarrendes Ger√§usch lies sie innehalten. Ohje - da kam jemand die Treppen zum Dachboden herauf. Was nun? "Was machst du denn da?", fragte Onkel Heiko bevor Jahoanna es schaffte, das K√§stchen in ihrer Tasche verschwinden zu lassen. Johanna wirbelte herum. Sie zitterte wie Espenlaub. "Ich ...?", stammelte sie. "Ja du. Was hast du da in der Hand?" Was sollte sie tun? Sie war doch sooo nah dran. "Anatasia hat mir das geschenkt", brachte sie hervor und war erleichtert, dass ihr so schnell eine glaubhafte Ausrede eingefallen war. "Das glaube ich Dir nicht Johanna! Gib es mir! Sofort!" drohte ihr Onkel Heiko. ‚ÄěNein! Ich will endlich wissen, was ihr mir verheimlicht. Was ist da drin? ‚Äď Stopp! Komm ja nicht n√§her, sonst werfe ich es auf den Boden.‚Äú Ihr Onkel hielt in der Bewegung inne. ‚ÄěWarte, nicht!‚Äú Johanna sp√ľrte, wie ihr eine Tr√§ne die Wange hinunter lief. Das konnte einfach nicht wahr sein. Selbst jetzt, verschwieg man ihr immer noch die Wahrheit. Selbst jetzt kannte sie ihr Geheimnis nicht. Pl√∂tzlich begann ihr Onkel h√§misch zu lachen. Seine Augen verfinsterten sich, sogar das Augenwei√ü wurde rabenschwarz. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht. "Du denkst, du musst ein Geheinmnis l√ľften?", h√∂hnte er. "Alles, was ich wollte war, dass du das Kastchen aus dem Spiegel holst. Damit ich es mir endlich schappen kann." ‚ÄěIch war also nur Mittel zum Zweck?‚Äú, fragte Johanna w√ľtend. ‚ÄěDu wirst das K√§stchen nie bekommen.‚Äú Unvermittelt streckte sie eine Hand aus; ihr Onkel wurde wie eine Puppe durch den Raum geschleudert. Dann fiel er vor ihr auf den Boden und lag leblos da. Alles um sie herum war mucksm√§uschen still. Oh mein Gott! Hatte sie ihn umgebracht? Als sie einen Schritt nach vorne gehen wollte, l√∂ste sich der Mann pl√∂tzlich in Luft auf. "Das K√§stchen!"schallte es aus ihrem Unterbewusstsein. Vorsichtig stellte sie es auf ihre Handfl√§che und betrachtete es von allen Seiten. An mindestens zwei Stellen bestanden die Verzierungen nicht aus Gold, sondern aus Messing. Dennoch schienen gerade diese Stellen bemerkenswert - zusammen konnten sie eine Art Spirale bilden. Sie tastete danach, ber√ľhrte das Material, bis pl√∂tzlich wei√üer Rauch aufstieg und sich langsam zu einer Person verdichtete. "Mama....?" Das Hexenm√§dchen konnte seine Tr√§nen nicht mehr zur√ľckhalten. ‚ÄěMama, ich hab dich so vermisst.‚Äú Johanna wollte ihre Mutter umarmen, doch sie ging durch sie hindurch. War ihre Mutter ein Geist? "Johanna, dies ist eine wichtige Botschaft f√ľr Dich. Das K√§stchen erm√∂glicht Dir den Zeitensprung. Du bist in der Zukunft gefangen! Ich erreiche dich nur durch die Spiegel." Zeitensprung? Johanna war v√∂llig durcheinander. Das war einfach alles viel zu viel f√ľr sie. H√∂rte das denn nie auf? Wenn es so weiter ginge, dessen war sie sich sicher, drehte sich noch komplett durch. Die Stimme ihrer Mutter hallte weiter durch den Raum: "Du darfst meiner Schwester nicht vertrauen! Sie wollte die M√§chtigste sein und hat Dich benutzt, um in die Zukunft zu gelangen!" Verzweifelt sagte Johanna schlie√ülich: "Aber Mama, wem kann ich √ľberhaupt noch vertrauen in dieser Welt? Was soll ich tun? Ich wei√ü es nicht mehr! Eigentlich wei√ü ich √ľberhaupt nichts mehr!" Doch das Bild Ihrer Mutter verblaste langsam. "Vertraue Deiner Intuition!" waren ihre letzten Worte, ehe ihre Mutter sich in Nichts aufl√∂ste. Johanna sackte v√∂llig ermattet auf den Hocker neben der Kommode. Seid wann befand sie sich denn in der Zukunft? Schon immer hatte sie sich dar√ľber gewundert kaum Erinnerungen an ihre Kindheit zu haben. Von ihrem Umfeld wurde immer behauptet, dass dies ganz normal w√§re, dass man sich bis zu seinem 10. Geburtstag an nichts erinnern k√∂nne. Und Tante und Onkel hatten immer getan wie die barmherzigen Samariter. "Wir lieben Dich wie ein eigenes Kind...bla bla bla" Johanna sp√ľrte m√§chtige Wut in ihrem Bauch. Was war mit ihrer Freundin Anastasia? Konnte sie ihr noch trauen? Immerhin hatte sie ihr jahrelang verschwiegen, dass sie eine Hexe ist. Sie musste es testen. Aber wie? Sie w√ľrde einen Plan aushecken! Doch zuerst - sie zog erneut den Schl√ľssel hervor - w√ľrde sie endlich das K√§stchen √∂ffnen! Mit einem kleinen Klicken sprang der Verschluss auf. Was? Anleitung zum Zeitensprung... Eine Anleitung zum Zeitensprung? Aha! Das war alles? Normalerweise findet man doch immer einen Stein oder ein Amulett. Nun gut, willkommen in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts! Doch als sie das Blatt umklappte, musste sie erneut schlucken. Dort stand geschrieben: "Sei achtsam! Es ist gef√§hrlich, aber Du wirst es schaffen! Deine Mama" Gut, sie musste aufh√∂ren sich damit zu befassen wem sie vertrauen konnte. Sie musste sich auf sich selbst verlassen! Stark sein! K√§mpfen! So viel stand nun fest. Ihre Mutter glaubte an sie.